Judith-Stamm-Platz-Einweihung in Luzern
| Laudatio gehalten am 22. April 2026
Ehre für Judith Stamm
Laudatio für Judith Stamm zur Einweihung des Judith-Stamm-Platzes vom 22. April 2006
Liebe Anwesende
Es ist mir eine grosse Ehre, die Laudatio für meine langjährige politische Weggefährtin Judith Stamm halten zu dürfen.
Die Politikerin Judith Stamm ist am 20. Juli 2022 im Alter von 88 Jahren hier in Luzern gestorben. Heute wird sie von der Stadt Luzern gewürdigt, dieser Platz bekommt ihren Namen und mit einer Gedenktafel wird an sie erinnert. So will Luzern sicherstellen, dass diese grosse Figur der Schweizer Politik nicht vergessen geht. Und das war sie, eine grosse Figur der Schweizer Politik!
Im Kanton Schaffhausen ist sie geboren und aufgewachsen, in Zürich hat sie studiert und als junge Juristin kam sie nach Luzern. In den Sechzigerjahren konnte sie in Zürich nicht Gerichtsschreiberin werden, weil Frauen noch keine politischen Rechte hatten.
Sie begann bei der Luzerner Kantonspolizei als Polizeiassistentin zu arbeiten und war die erste weibliche Kriminalbeamtin unter lauter Männern und später erste Polizeioffizierin. Die erste Frau in einer Funktion zu sein, wurde zu einem Muster in ihrem Leben.
Das Jahr 1971 ist für alle Schweizerinnen eine gewaltige Zäsur: endlich erhielten wir die politischen Rechte, die uns so lange verweigert worden sind! Damit sind für die Frauen die Türen in die Politik aufgegangen und für Judith Stamm begann ihre politische Karriere. Sie war kurz vorher der CVP beigetreten und wurde zusammen mit Josi Meier, eine andere grosse Luzerner Politikerin, erste und bestgewählte Luzerner Grossrätin.
Es fällt auf, dass sie sich schon früh stark für die Frauen engagiert hat. Schon im Jahr 1974 gründete sie in Luzern die «Arbeitsgruppe Politik», in welcher Frauen überparteilich mit der Politik vertraut gemacht wurden. Dieser legendäre Mittwochenmorgenstamm funktionierte während Jahrzehnten. Es kamen regelmässig viele Frauen zusammen, es war eine Art Fanclub für Judith mit ihr als Mittelpunkt.
Im Jahr 1983 erfolgte ihre Wahl in den Nationalrat. Das war eine mittlere Sensation, denn in der konservativen Luzerner CVP war sie nicht wenigen zu fortschrittlich und zu links. Vor allem ihre Zustimmung zur Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch brachte ihr in der eigenen Partei heftige Kritik ein. In diesem Kreuzfeuer stand sie jahrelang und bei jeder Wahlveranstaltung wurde sie von organisierten GegnerInnen deswegen richtiggehend angefeindet.
In dieser Zeit habe ich mit vielen Feministinnen der Neuen Frauenbewegung in der «OFRA» politisiert und wir sind auf Judith Stamm aufmerksam geworden. Und sie wurde aufmerksam auf uns, auf mich! So fragte sie mich doch tatsächlich eines Tages, ob ich nicht auch für die CVP kandidieren wolle. Ich sagte ihr, ob sie denn wirklich glaube, ich hätte mit meinen feministischen Positionen Platz in dieser Partei, das sei ja für sie schon sehr schwierig.
In Bern reichte Judith Stamm im Jahr 1986 eine Motion ein, die 1988 zur Gründung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau führte. Sie war der Ansicht, dass das zur Umsetzung des im Jahr 1981 eingeführten Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» notwendig sei.
Ein Jahr später 1989 wurde sie vom Bundesrat als Präsidentin der im Jahr 1976 geschaffenen Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF gewählt. Sie folgte auf Emilie Lieberherr und Lili Nabholz. Eine weitere Luzernerin, Yvonne Schärli-Gehrig, wurde später ebenfalls Präsidentin dieser Kommission, welche übrigens morgen ihren 50. Geburtstag feiert.
Judith Stamm war in vielem unkonventionell und der Zeit voraus. Als für die Nachfolge von Bundesrat Alphons Egli 1986 die CVP-Fraktion doch tatsächlich nur zwei Männer aufstellte, brachte sich Judith Stamm durch eine wilde Kandidatur selber ins Spiel. Diese mutige Tat wurde von vielen als Anmassung gesehen und brachte ihr viel Kritik ein. Für viele Frauen hingegen war es ein wichtiges Symbol für den berechtigen Anspruch auf eine weitere Frauenvertretung im Bundesrat. Man stelle sich vor, als Judith Stamm antrat, hatte es mit Elisabeth Kopp erst eine einzige Frau in dieses Gremium geschafft, Männer hingegen schon 117. Ich bin überzeugt davon, dass sie das Zeug zu einer starken Bundesrätin gehabt hätte!
Ich selber bin 1991 für die Grünen in den Nationalrat gewählt worden, da war die Zusammenarbeit mit Judith von Anfang an hervorragend. Sie hatte auch im Bundeshaus eine Frauengruppe gegründet und so trafen sich die Parlamentarierinnen überparteilich, in jeder Session, um frauenrelevante Vorstösse und gemeinsame Strategien auszuhecken. Die überparteiliche, frauenzentrierte Zusammenarbeit war Judith wichtig, sie war alles andere als eine Parteisoldatin. Ich denke, dass die grossen Fortschritte für die Frauen, die Ende der 80er bis in die Anfänge der Nullerjahre möglich wurden, wie das neue Eherecht, die Einführung einer Mutterschaftsversicherung und der Fristenregelung, des Verbots der Vergewaltigung, - auch in der Ehe -, das Splitting und die Betreuungsgutschriften in der AHV, ein grosses Stück auch dieser Zusammenarbeit zu verdanken sind. Judith Stamm spielte in diesen Frauennetzwerken eine wichtige Rolle.
Als sich 10 Jahre nach der Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen das Drama mit Christiane Brunner im Jahr 1993 wiederholte, erfasste eine Welle der Empörung die Frauen im ganzen Land. Sie protestierten lautstark, auch auf dem Bundesplatz. Als einige Ratskollegen darauf gehässig und abschätzig reagierten, konterte Judith Stamm mit dem Satz: «Vor dem Bundeshaus steht nicht der Pöbel, sondern der Souverän!»
Im Jahr 1996 wurde sie Nationalratspräsidentin, das versöhnte sie mit ihrer Fraktion, die sie 10 Jahre vorher nicht hat Bundesrätin werden lassen. Eine der Spuren, die sie im Präsidialjahr hinterliess, war die Einrichtung eines Rückzugsortes für Frauen im Bundeshaus. Dieses berühmte Frauenzimmer wird immer an sie erinnern. Ebenfalls an sie erinnert, dass das Zimmer, welches dem Ratspräsidium im Präsidialjahr zur Verfügung steht, mit «Präsidentin» bezeichnet wird, wenn eine Frau das höchste Amt bekleidet und nicht mit «Der Präsident». Dann wird einfach die Tafel über der Tür für ein Jahr ausgewechselt. Das ist inzwischen immerhin schon zehn Mal vorgekommen! Diese symbolischen Gesten zeigen, wie sehr Judith Stamm bei allem, was sie tat, die Frauen auf dem Radar hatte.
Judith Stamm war eine Streitbare, sie scheute keine Auseinandersetzung, im Gegenteil! Wenn man mit ihr nicht gleicher Meinung war, setzte sie mit dem berühmten Ausruf zur Gegenrede an: «Jetzt los emol!». Aber diese Auseinandersetzungen waren nie gehässig oder unversöhnlich, aber ihrem wachen Geist und ihrer scharfen Argumentation Stand zu halten, war eine rechte Herausforderung.
Sie hatte auch eine strenge und konventionelle Seite, dazu zwei Anekdoten: als nach der Nichtwahl von Christiane Brunner wir empörten Politikerinnen uns im Bundeshaus trafen, um über mögliche Aktionen zu beraten, tauchte die Idee auf, wir könnten als schwarz gekleidete Klageweiber auf die Tribünen gehen und mit dem Aufruf «Asche auf euer Haupt!» Asche auf unsere Kollegen hinunterwerfen. Den entgeisterten Gesichtsausdruck von Judith vergesse ich nie! Und wie sie uns eindringlich bat, das ja nicht zu tun! Wir würden damit die Würde des Hauses verletzen und uns würde nie mehr jemand ernst nehmen im Bundeshaus.
Oder das zweite Beispiel: die Grüne Fraktion, inspiriert durch die Fussball-Nationalmannschaft, hielt ein Protesttransparent gegen die französischen Atomtests im Südpazifik in die Höhe, auf welchem stand «STOP IT CHIRAC». Es dauerte keine zwei Minuten, bis die Ratspräsidentin Judith Stamm den Saalweibel zu uns hinbeordert hatte und dieser in ihrem Auftrag das ultimative Verschwinden des Transparentes befahl. Da agierte sie ganz konform in der Rolle als Vertreterin der etablierten Schweiz.
Das reiche Leben und Wirken von Judith Stamm in eine zehnminütige Laudatio zu packen, kann natürlich nur fragmentarisch geschehen, es gäbe Stoff für Stunden. Wer mehr über ihr Leben erfahren will, den möchte ich auf das Buch von Nathalie Zeindler «Beherzt und unerschrocken» aus dem Jahr 2008 hinweisen.
Ich selber wurde damals um ein Statement gebeten: «Judith Stamm ist für mich eine der wenigen grossen Politikerinnen, die es in der Schweiz gibt. Sie verfügt über Eigenschaften die in dieser Kombination selten anzutreffen sind: blitzgescheit, wissbegierig, unerschrocken, gradlinig, hartnäckig, unparteiisch, mutig und unprätentiös der Sache verpflichtet, ohne jede Spur von Opportunismus. Mit ihr zu debattieren, ist eine echte Freude und Herausforderung. Ich hoffe, dass ich das noch oft erleben kann.»
Bis kurz vor ihrem Tod trafen sich jeweils das so genannte alt-NR-Grüppli, bestehend aus Rosmarie Dormann, eine weitere unkonventionelle CVP-Politikerin, Judith Stamm und mir, zum Mittagessen im «Balances» und es ging immer sehr angeregt und bisweilen auch heftig zu und her. Diese Treffen gibt es seit 2022 nicht mehr. Aber dafür gibt es jetzt diesen Platz! Und das ist gut so und die Stadt Luzern verdient grossen Dank dafür! Denn alle, die jetzt und in Zukunft hier vorbeikommen, sollen erfahren, was für eine aussergewöhnliche Frau Judith Stamm war.
Cécile Bühlmann