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Wie hältst du es mit der Religion - Über Religion und grüne Politik
Neue Luzerner Zeitung, 26. Juni 2004

«Grüne Politik hat auch mit religiösen Grundwerten zu tun.» Diese Überzeugung vertritt die Luzerner Nationalrätin Cécile Bühlmann, die aus einer traditionell katholischen Familie stammt.

Cécile Bühlmann, Sie sind in einem stramm katholischen Elternhaus aufgewachsen und heute eine engagierte grüne Politikerin. Gibt es da eine Verbindung?
Da muss man differenzieren. Tatsächlich war für meinen Vater die katholische Tradition ein integraler Bestandteil des Alltagslebens, womit der regelmässige Kirchgang und das Gebet in unserer Familie eine Selbstverständlichkeit waren. Meine Mutter stammte aber aus einer antiklerikalen italienischen Einwandererfamilie und hatte in ihrer Jugend schlechte Erfahrungen mit Repräsentanten dieser Kirche gemacht.

Wie ging beides zusammen?
Das war natürlich nicht der einzige Gegensatz zwischen meinen Eltern. Ehen, in denen verschiedene kulturelle Milieus aufeinander treffen, sind ja häufig eine recht spannungsgeladene Angelegenheit. Allerdings hat sich meine Mutter sehr darum bemüht, sich den bestehenden Verhältnissen in Sempach, wo ich aufgewachsen bin, anzupassen. Und da gehörte natürlich auch die kirchliche Tradition dazu.

Inwiefern hat Sie dieses Umfeld geprägt?
Die Tradition des Kirchenbesuchs mit allem Drum und Dran hat meine Kindheit sehr stark geprägt: Es war damals selbstverständlich, dass wir wöchentlich zweimal die Schulmesse besuchten und auch beim Auffahrtsumritt, bei Bittgängen und beim Rosenkranzgebet dabei waren.

War das für Sie als Kind eine positive Erfahrung oder hatten Sie Mühe damit?
Es gab sicher viele Erlebnisse, die mich als Kind emotional positiv angesprochen haben. Ich denke beispielsweise an eindrückliche Mitternachtsmessen mit vielen Kerzen, Orgelmusik und gemeinsam gesungenem «Stille Nacht». Aber es gab auch negative Erfahrungen. Der Zwang etwa, einem wildfremden Mann hinter diesem komisch vergitterten Fenster die Sünden zu beichten, hat mich als junges Mädchen doch sehr eigenartig berührt.

Ihre Ausbildung zur Primarlehrerin absolvierten Sie im Lehrerinnenseminar der Baldegger Schwestern. Entsprach das auch Ihrem persönlichen Wunsch?
Als Tochter einer CVP-Familie auf dem Lande gab es für mich damals keinerlei Alternativen: Es kamen nur die Schulen in Baldegg, Menzingen oder Ingenbohl in Frage, die allesamt von Klosterfrauen geführt wurden. Im Lehrerinnenseminar des Klosters Baldegg wurde mir zwar eine hervorragende Ausbildung geboten, aber das strenge religiöse Umfeld sagte mir überhaupt nicht zu: In einer Zeit, wo ich ohnehin vieles zu hinterfragen begann, konfrontierte mich die Klosterschule mit einem Übermass an religiöser Zumutung.

Was hat diese bei Ihnen ausgelöst?
Sie hat meinen Widerstandsgeist geweckt. Die Folge war, dass ich mich von Religion und Kirche zu distanzieren begann und seither nicht mehr zu den regelmässigen Kirchgängern zähle. Allerdings bin ich nie aus der Kirche ausgetreten, obwohl ich oft schon nahe daran war, diesen Schritt zu tun.

Was hat Sie davor zurückgehalten?
Weil die Kirche auch viele gute Dinge tut. Als Politikerin denke ich beispielsweise an das wichtige Engagement der Kirche in der Ausländer- und Asylpolitik oder an ihren Einsatz für die Menschenrechte und gegen den Rassismus. Bei verschiedenen gesellschaftlichen Problemstellungen sind im kirchlichen Umfeld immer wieder Haltungen zu finden, die sich weit gehend mit den Anliegen unserer grünen Politik decken.

Kann man sagen, dass sich umgekehrt die Anliegen einer grünen Politik bisweilen auch auf religiöse Grundwerte abstützen?
Grüne Politik hat zweifellos auch mit religiösen Grundwerten zu tun, und die Kirche übernimmt als Wertevermittlerin in unserer Gesellschaft sicher eine sehr wichtige Funktion. In diesem Zusammenhang gibt es Überschneidungen und Berührungspunkte, die viele kirchlich engagierte Menschen zu unseren Verbündeten machen. Allerdings brauchen wir für ähnliche Anliegen oft ein anderes Vokabular. Wenn beispielsweise in der Kirche von der «Bewahrung der Schöpfung» die Rede ist, sprechen wir von nachhaltiger Entwicklung, was für mich sinngemäss das Gleiche bedeutet. Unsere politischen Forderungen werden zwar eher ethisch und nicht religiös legitimiert. Aber natürlich steckt in unserer persönlichen Grundhaltung letztlich auch eine religiöse Prägung.

Wo haben Sie umgekehrt Mühe mit der real existierenden Kirche?
In Fragen der Sexualmoral oder der Stellung der Frauen kann ich mich mit der Position der Kirche überhaupt nicht identifizieren. Auch der Anspruch der katholischen Kirche, die alleinige Wahrheit zu besitzen, ist für mich unhaltbar: Auf Fundamentalismen jeder Art reagiere ich hochgradig sensibel. Und nicht zuletzt mit der hierarchischen Struktur der katholischen Kirche, die keine demokratische Mitbestimmung zulässt, habe ich grosse Probleme.

Was müsste sich ändern?
Dringend notwendig wäre es, dass die Kirche bei zentralen Grundsatzfragen wie beispielsweise der Stellung der Frau oder des Zölibates auch die Basis befragt und sie mitreden lässt. Doch gerade bei diesen Angelegenheiten rennt die kirchliche Basis gegen Gummiwände an. Das ist zum Verzweifeln für Leute, die in den bestehenden Strukturen drin sind - da würde ich schon längst kapitulieren! Ich wünschte mir eine Kirche, die bereit ist, hin und wieder alten Balast abzuwerfen und sich zu modernisieren.

Weil religiöse Rituale im Leben unverzichtbar sind?
Ja, davon ich bin überzeugt. Die Frage ist nur, wie diese Rituale gestaltet werden. Oft ist es heute notwendig, neue Rituale zu kreieren. Ich erinnere mich beispielsweise an Beerdigungen, bei denen - ausserhalb der offiziellen kirchlichen Liturgie - neue Formen des Abschiednehmens praktiziert wurden. Und da gibt es bekanntlich auch Frauen mit theologischer Ausbildung, die sich ausserhalb der kirchlichen Strukturen als Ritualberaterinnen betätigen und damit kirchlich distanzierten Menschen einen wertvollen Dienst leisten.  
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