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Von der Interkulturellen Pädagogik zur Pädagogik der Vielfalt

BERUF
Fachtexte


Die Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer nach der Jahrtausendwende
Beitrag zum Heft 1/2000 „Beiträge zur Lehrerbildung“

Die Schule von morgen ist eine Schule der Vielfalt. Durch die Globalisierung der Wirtschaft und durch die Mobilität der Menschen wird die Schule der Zukunft in einem noch höheren Masse als heute eine Schule der Vielfalt sein. Kinder aus unterschiedlichsten Familienformen und sozialen Schichten, Kinder mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und Begabungen, Kinder mit unterschiedlichsten weltanschaulichen und religiösen Prägungen und Kinder unterschiedlichster kultureller und sprachlicher Herkunft werden die Schülerschaft von morgen sein. Diese Heterogenität positiv zu nutzen und dabei die Qualität des Unterrichts und die Chancengleichheit für alle zu garantieren, das wird die ganz grosse Herausforderung des Bildungswesens sein.

Warum schon wieder ein neuer Begriff?
In den 90er Jahren hat die Interkulturelle Pädagogik die Ausländerpädagogik der 80er Jahre abgelöst. Der Ausländerpädagogik lag der defizitäre Ansatz einer Sonderpädagogik zu Grunde: Kinder fremder Herkunft sollen mit sonderpädagogischen Massnahmen auf das Niveau der Einheimischen gebracht werden, das war deren Philosophie.

Die interkulturellen Pädagogik hat mit dem defizitären Ansatz aufgeräumt. Kinder fremder Herkunft werden zwar als kulturell und sprachlich verschieden, aber gleichwertig betrachtet und ihre Anwesenheit wird als Bereicherung verstanden.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat dieser Paradigmawechsel nur bedingt stattgefunden: anders sein, fremd sein, wurde und wird weiterhin vor allem als Problem definiert. Die Lernenden werden nach dem groben Raster ausländisch-schweizerisch, respektive fremdsprachig-deutschsprachige in zwei Kategorien eingeteilt. Es wird von Ausländerquoten geredet, die nicht überschritten werden dürfen. Es gab sogar eine ganze Reihe politischer Vorstösse, die getrennte Klassen für die beiden Gruppen verlangten.

Die Lehre daraus ist, dass auch das gut gemeinte Konzept der Interkulturellen Pädagogik ohne Weiterentwicklung nicht zukunftstauglich ist. Es besteht nämlich die Gefahr, dass die Migrantenkinder auf ihre kulturelle und sprachliche Herkunft reduziert werden, satt sie mit ihren je eigenen Lebensgeschichten zu verstehen. Zu diesen Lebensgeschichten können traumatische Flucht- und Migrationserfahrung, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung gehören, aber auch Mehrsprachigkeit, Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit, Neubeginn und Aufbruch. Ohne diese Peerspsktive werden sie nur zu Trägern eines bestimmten kulturellen Clichés gemacht und alle Unterschiede, die zwischen Kindern bestehen, mit der anderen Kultur erklärt. Wenn dann dabei noch von der Unveränderbarkeit kultureller Normen ausgegangen wird, ist der Weg vom Begriff Kultur zum Begriff Rasse nicht mehr weit.

Worin liegt die Vielfalt?
Das Konzept der Pädagogik der Vielfalt hingegen umfasst alle Unterschiede, die Kinder ausmachen: das Geschlecht, die soziale und kulturelle Herkunft, die Begabungen und Behinderungen, die Sprache(n), die Familienform, die Religion, usw. Kinder werden als Individuen mit all diesen unterschiedlichen Prägungen als einzigartig und unverwechselbar wahrgenommen. Die fremde Herkunft ist dabei nur eine Facette dieser Vielfalt, aber eine ganz wichtige. Deshalb muss dem Erwerb interkultureller Kompetenzen in einer zukunftsgerichteten LehrerInnenbildung ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.

Was gehört zu interkultureller Kompetenz?
Elemente solcher Kompetenzen sind vertiefte Kenntnisse der eigenen Gesellschaft mit all ihrer soziokulturellen Vielfalt. Dazu kommen Kenntnisse der Herkunftsgesellschaften der Migrantenfamilien, Kenntnisse über Migration und Fluchtursachen und über die Migrations- und Asylpolitk der Schweiz, Kenntnisse über den Stand der Menschenrechtsdebatte. Im weiteren gehören die Auseinandersetzung mit den Begriffen Kultur, Integration, Identität, Universalismus, Mobilität und Globalisierung dazu. Wichtig ist auch die Analyse der Entstehung von Rassismus, Antisemitismus und Fundamentalismus. Es muss auch über die Bedeutung des gesellschaftlichen Diskurses über die sogenannte Ausländerfrage nachgedacht und die eigene Haltung all diesen Fragestellungen gegenüber geklärt werden.

Das Menschenbild der Jahrtausendwende ist gleichzeitig das alte
Dem letztgenannten Punkt kommt beim Erlernen interkultureller Kompetenz eine entscheidende Rolle zu: ohne das Reflektieren der eigenen Verortung in einer pluralistischen Welt, dem eigenen Weg und der eigenen Prägungen dahin ist es schwierig, die Unterschiedlichkeit der Kinder nicht als Störfaktor, sondern als Bereicherung oder wenigstens als Normalität zu begreifen. Wer die eigene Sicht der Welt als Norm und als allein gültige versteht, hat Mühe, andere Perspektiven zu akzeptieren. Selbstverständlich entbindet das nicht von einer Diskussion darüber, welche gemeinsamen Werte, welcher Konsens für das Zusammenleben in Schule und Gesellschaft notwendig sind. Im Gegenteil, gerade die Vielfalt erfordert es, den Vorrat an Gemeinsamkeiten sorgfältig zu bewahren.

Entscheidend dabei ist die Frage nach dem Menschenbild, das der Schule zugrunde liegt. Die Antwort auf diese Frage lässt sich durch die Auseinandersetzung mit der universalen Menschenrechtsidee finden, welche ihren Ursprung in der Aufklärung hat. Diese sagt, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind, dass alle Menschen das Recht auf soziale Sicherheit, Arbeit, Erholung, Wohlfahrt, Bildung und Teilnahme am kulturellen Leben haben, und dass niemand aufgrund der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion diskriminiert werden darf. Eigentlich eine alte Vision, aber angesichts der Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen auf der Welt eine noch nicht verwirklichte. Deshalb muss auch eine zukünftige LehrerInnenbildung auf dieses Menschenbild hin ausgerichtet sein. Vielleicht wird so im neuen Jahrtausend aus der Vision Wirklichkeit.   
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