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Chancengleicheit in Schweizer Schulen? Von wegen!

BERUF
Fachtexte


Chancengleicheit in Schweizer Schulen? Von wegen!
Die Weltwoche, Nr. 04/2002

Der eigentlich alarmierendste Befund der PISA-Studie, nämlich dass das Schweizer Bildungssystem die sozialen Schichten mehr als ändere Länder reproduziert, hat vergleichsweise wenig Aufsehen erregt. Das muss zu denken geben.

Nicht um den internationalen Ruf geht’s, sondern um Zündstoff im eigenen Land
Nach der Veröffentlichung der PISA-Studien stand vor allem die Mittelmässigkeit der Lesefähigkeit unserer Jugendlichen beim Schulaustritt im internationalen Vergleich zur Debatte. "Schweizer Jugend ist blosser Durchschnitt", "Die junge Schweiz kann schlecht lesen", "Lesen ungenügend", waren Schlagzeilen in den Medien und das Boulevardblatt "Blick" schlug mit der provokanten Frage "Sind unsere Schüler Trottel?" noch eins oben drauf.

Dabei schwang ziemlich viel Enttäuschung darüber mit, dass der immer noch gern geglaubte Mythos von der Musterschülerin Schweiz durch die PISA-Resultate doch etwas an Glanz verloren hat. Deshalb kamen denn auch gleich erste Rezeptegeber, die das Heil in mehr Wettbewerb und mehr Drill sahen, um international wieder vorne mit dabei zu sein. Christian Aeberli von Avenir Suisse zog denn auch gleich den Schluss, wir sollten mit der in unseren Schulen angeblich weit verbreiteten "Gleichheitsideologie" abfahren. Dem allerdings widersprach Anton Strittmatter, Leiter der Pädagogischen Fachstelle des LCH. Und das aus gutem Grund. Es soll ja nicht einfach darum gehen, international gut dazustehen, sondern um die Frage, was genau hinter diesen Resultaten für gesellschaftliche und bildungspolitische Realitäten stecken und da wird’s ziemlich brisant.

Starke Ausschläge nach oben und unten
Beim genaueren Hinschauen stellt man fest, dass die Schweizer Jugendlichen nicht einfach generell schlecht lesen: Es gibt aber eine grosse Schere zwischen dem Spitzensegment, in dem die Schweiz so gut wie andere vergleichbare Länder abschneidet und dem unteren Segment, das aus einer alarmierend grossen Zahl von Jugendlichen besteht, die bedenklich schlechte Lesekompetenzen haben. Hinter dieser Aussage steckt eine knallharte Wirklichkeit: in einer Welt, in der alles über schriftliche Informationen geht, heisst nicht lesen können, nichts anderes, als keinen Zugang zu haben zu all dem, was gesellschaftlich von Bedeutung ist. Nicht lesen zu können, heisst, nicht an die Informationen heranzukommen, sie nicht interpretieren, wiedergeben, reflektieren, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können. Nicht lesen zu können heisst, keinen Zugang zu beruflichem Aufstieg und damit verbundener Anerkennung und Sinnstiftung zu bekommen. Das bedeutet eine regelrechte Marginalisierung und Stigmatisierung. Dass ein Fünftel der Jugendlichen in unserm Land mit so schlechten Chancen ausgerüstet unsere Schule verlässt, ist sozialpolitischer Zündstoff.

Die Schweizer Schule reproduziert die soziale Herkunft
Dass diese Jugendlichen häufig aus tiefen sozialen Schichten stammen, ist keine Überraschung, aber dass es dem Schweizer Bildungssystem im Vergleich zu andern OECD-Ländern nicht gelingt, soziale Unterschiede wenigstens etwas auszugleichen, sondern dass es sie eher noch verstärkt, lässt aufhorchen. Diese Diagnose erteilt den Forderungen nach Abkehr von der angeblichen Gleichheitsideologie eine Absage. Auch die Behauptung, weil wir für die schwachen Lernenden so viel tun würden, kämen die Begabten zu kurz und man müsse jetzt endlich für die Begabtenförderung mehr tun, scheint in diesem Licht ziemlich ideologisch und wenig fundiert. Damit keine Missverständnisse aufkommen: selbstverständlich soll die Schule auch die Hochbegabten fördern, weil es zum Auftrag der Schule gehört, alle Kinder zu fördern, aber nicht als Antwort auf eine angeblich zu grosse Förderung der schwächeren Lernenden!

Vorschnell beurteilt könnte man sagen, dass dieser Fünftel leseunkundiger Schulabgänger genau dem Fünftel Lernender mit ausländischen Pässen entspricht. Auch da lohnt sich ein genauer Blick: laut der Schweizer Lohnstatistik sind Eingewanderte sowohl in den ganz hohen Lohnsegmenten wie auch in den ganz tiefen Lohnsegmenten markant übervertreten. Seit einigen Jahren findet ein Wandel in der Neueinwanderung statt: der Anteil schlecht Qualifizierter nimmt ab und der Anteil der Gutqualifizierten nimmt zu. Aber Faktum bleibt, dass immer noch die Mehrzahl der Familien ausländischer Herkunft tiefen sozialen Schichten angehört. Nur ist das in den klassischen Einwanderungsländen Australien, Kanada und Neuseeland genau so, und trotzdem schneiden deren Kinder in der Schulen besser ab. Offensichtlich gelingt es diesen Ländern besser, Chancengleichheit herzustellen.

Keine Zweiklassengesellschaft in der Schule
Diese Chancengleichheit auch in der Schweiz zu erreichen, muss eine Lehre aus PISA sein. Das heisst ganz viel Sorgfalt und Ressourcen auf die Vorschule, die Primarschule und überhaupt auf die obligatorische Volksschule insgesamt, die ja alle durchlaufen, zu verwenden. Das heisst auch, eine frühere Bildungssozialisation anzustreben, das heisst allen Kinder gute Vorschuleinrichtungen anzubieten, die Basisstufe zügig zu realisieren, endlich Tagesschulen flächendeckend anzubieten. Das heisst das Schulsystem den realen Gegebenheiten der heutigen Familien anzupassen. Der Mythos vom Mittagstisch in der Familie gehört der Vergangenheit an, 80% der Frauen in diesem Land sind inzwischen erwerbstätig und die Schule tut noch immer so, als sei überall eine hegende und pflegende Mutter zu Hause, die nichts anderes zu tun habe, als auf ihre zu ungleichen Zeiten kommenden und gehenden Schützlinge aufzupassen und mit ihnen in selbstloser Art die Hausaufgaben für die Schule zu machen! So kann es ja wohl nicht weitergehen, nicht nur weil daran Familien, die ein neues Rollenmodell leben möchten fast verzweifeln, sondern weil das gerade auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, schweizerischen wie ausländischen, fatal ist. Für sie könnte nämlich ein solches Angebot an ausserhäuslichen Bildungsozialisation ihre familiär bedingte Chancenungleicheit ein Stück weit ausgleichen. Solche Schlüsse lassen sich deshalb ziehen, weil die nordischen Länder Finnland, Schweden und Norwegen, die in der ausserhäuslichen Kinderbetreuung vorbildlich sind, in der PISA-Studie besser abschneiden. Das müsste auch im Interesse der Wirtschaft sein, sind diese Jugendlichen doch die Erwerbstätigen von morgen. Sie treffen auf eine Arbeitswelt, die gerade wegen den neuen Informationstechnologien immer höhere Anforderungen punkto Lesekompetenzen stellt. Da können wir es uns auch volkswirtschaftlich nicht leisten, dass ein Fünftel der Schulentlassenen über das nötige Rüstzeug nicht verfügt.

Was bringt es Mädchen, dass sie besser lesen?
Ein Ergebnis der PISA-Studie wurde bisher kaum gross zur Kenntnis genommen, nämlich die unterschiedlichen Ergebnisse je nach Geschlecht. Knaben schneiden zwar bei den Mathematikleistungen etwas besser als die Mädchen ab. Aber die Leseleistungen der Knaben sind signifikant schlechter als die der Mädchen, die Buben gehören weit häufiger der Risikogruppe an als die Mädchen, nämlich bis zu 27%. Demgegenüber schneiden die Mädchen bei den Leseleistungen signifikant besser ab und kommen mit komplexen Anforderungen viel besser zu recht als Knaben. Trotz der seit langem bekannten besseren Sprachleistungen der Mädchen gelingt es diesen nicht, im Berufsleben daraus eine Besserstellung zu erreichen. Im Gegenteil, Frauen sind in der Arbeitswelt weiterhin markant schlechter gestellt, und zwar in jeder Beziehung: schlechtere Löhne, weniger Ausbildungsmöglichkeiten, weniger Aufstiegschancen, weniger Leitungsfunktionen. Kurzum: die Wirtschaft verkehrt die gute schulische Ausgangslage von Mädchen in ihr Gegenteil. Von Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern kann in der Arbeitswelt also noch keine Rede sein. Dass ein guter Schulabschluss den gesellschaftlichen Erfolg garantiert, ist also weiterhin nur für Knaben gültig. Da diese wiederum im unteren Fünftel der Lesekompetenz auffällig überrepräsentiert sind, öffnet sich auch innerhalb des männlichen Geschlechts eine grosse Schere. Ein Problem, dem nebst der Genderfrage in Zukunft volle Aufmerksamkeit gehört!

Endlich mehr Förderung der Erstsprache für Migrantenkinder
Nebst der Forderung nach besseren und mehr Förderangeboten in Deutsch, wie sie verschiedene Kommentatorinnen und Kommentatoren der PISA-Studie zu recht erheben, bekommt ein altes aber bisher unerfülltes Postulat der interkulturellen Schulfachleute im Moment neuen Sukkurs: die Forderung nach besserer Unterstützung der Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur HSK. Im neuen Sprachengesetz, welches zur Zeit in der Vernehmlassung ist, heisst es im Artikel 17c: "Der Bund kann Kantonen Finanzhilfen gewähren für Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur von Personen, deren angestammte Sprache keine Landessprache ist."

Warum diese Forderung? Es ist schon lange bekannt, dass bei fremd- und zweisprachigen Schülerinnen und Schülern eine gut ausgebaute Erstsprache eine wichtige Grundlage für den Erwerb der Zweitsprache Deutsch bildet. Der Verzicht auf die Stützung der Erstsprache kann zu Lernschwierigkeiten und zu Spracharmut in beiden Sprachen führen. Deshalb hat das Schweizer Bildungssysteme für diese Schülerschaft eine doppelte Verantwortung, nämlich für die Förderung sowohl der Erstsprache als auch der Zweitsprache Deutsch.

Aus diesem Grund war diese Forderung auch im Gesamtsprachenkonzept enthalten, welches die von der EDK eingesetzte Expertenkommission im Jahr 1999 veröffentlichte. "Die Kantone respektieren und fördern die in ihrer Schulbevölkerung vorhandenen Sprachen und integrieren sie in die Stundentafeln und Lehrpläne", lautete die These 4. Leider überstand diese These die Vernehmlassung der Kantone nicht. Diese fürchteten das finanzielle Engagement ,so dass die HSK-Kurse weiterhin ein randständiges Dasein fristen und vom Untergang bedroht sind. Das betrifft vor allem Kurse wie jene in Albanisch und Tamilisch, bei denen nicht ein Herkunftsland im Hintergrund ist, welches die Kurse organisiert und die Lehrpersonen finanziert.

Nun gibt es mit dem Sprachengesetz neue Hoffnung. Unter dem Aspekt des neuen Finanzausgleichs mag zwar die finanzielle Beteiligung des Bundes an einer der ureigensten Aufgabe der Kantone nicht sehr kohärent sein. Wichtig ist aber, dass sich endlich jemand für diese längst fällige Aufgabe auch finanziell engagiert. Deshalb ist auf eine breite Zustimmung in der Vernehmlassung zu hoffen. Die PISA-Studie liefert dazu gute Argumente.   
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