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Gentechnologie: Fluch oder Segen?

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Forum Gentechnologie, Caracas, Venezuela, 1. März 2002
Seit einigen Jahren kommen aus der Wissenschaft und aus den Forschungslabors grosser internationaler Agro- und Chemiekonzerne immer wieder Erfolgsmeldungen, die uns das Paradies auf Erden verheissen: kein Hunger, keine Leiden und Krankheiten mehr, Menschen und Pflanzen nach Mass und das alles dank Gentechnologie. Diesen Glücksversprechen will ich mit meinen Ausführungen etwas nachgehen und vor allem auch die Schattenseiten des versprochenen Paradieses anschauen.

Worum geht es bei der Gentechnologie?
Durch den Eingriff ins Erbmaterial, in die Gene von Menschen, Tieren und Pflanzen sollen neue Wesen konstruiert werden. Dieser Eingriff bedeutet, dass beliebig Gene ausgetauscht, ersetzt oder neu kombiniert werden können. Durch diese Genmanipulation werden erstmals in der Geschichte der Menschheit Artenschranken überwunden: so können menschliche Gene in Tiere und tierische Gene in Pflanzen und umgekehrt eingeschleust werden. So hofft man zum Beispiel, genmanipulierte Schweine, denen man menschliche Gene eingeschleust hat, als Lieferanten von Organen für Menschen, für die sogenannte Xenotransplantation gebrauchen zu können. Oder durch gentechnische Eingriffe sollen Pflanzen gegen Schädlinge geschützt werden, dadurch verspricht man, den Einsatz von Herbiziden zu vermindern. Oder durch das Manipulieren von Tomaten sollen diese länger haltbar gemacht werden usw. Der Fantasie der Neukombinationen sind fast keine Grenzen gesetzt.

Was denn daran schlecht sein soll, werden Sie sich vielleicht inzwischen gefragt haben. Die Menschheit habe ja schon immer gezüchtet, das sei einfach eine neue und effiziente Art des Züchtens.

Risiken bei der Freisetzung genmanipulierter Pflanzen in die Umwelt
Das müssen wir genauer anschauen. Bisherige Zuchtmethoden haben sich über die Jahrhunderte im Rhythmus der Pflanzengenerationen durch Kreuzungen weiterentwickelt und die Pflanzen haben sich den Bedingungen ihrer Umwelt schrittweise angepasst. Mit der Gentechnologie geht der Eingriff viel tiefer, viel schneller und das Überschreiten von Artengrenzen ist erstmals möglich. Mit dem Manipulieren des Erbgutes werden irreversible Eingriffe gemacht. Die neukonstruierten Organismen sind nach ihrer Freisetzung in die Umwelt nie mehr zurückzuholen und ihre längerfristige Auswirkung auf die Umwelt, auf andere Pflanzen und Organismen sind zu wenig bekannt. Und das was bekannt ist, trägt nichts zur Beruhigung sondern eher zur Beunruhigung bei. So hat man festgestellt, dass nicht nur der Schädling getroffen wird, sondern andere Lebewesen geschädigt werden. Oder Bienen tragen Pollen genmanipulierter Pflanzen in ihre Bienenstöcke und über mögliche Folgen liegen noch keine Untersuchungsergebnisse vor. Oder Biobauern fürchten, dass genmanipulierte Pollen unkontrolliert auf ihre Felder gelangen und diese gentechnisch verseuchen. Das ist für Biobauern eine verheerende Perspektive.

Patentierung führt zu Abhängigkiet der Bauern von den Saatgutlieferanten
Das ist der erste Grund, misstrauisch zu sein. Aber es gibt noch mehr Grund zur Beunruhigung. Die Saatgutfirmen lassen ihre genveränderten Produkte patentieren und bringen die Bauern damit in ihre totale Abhängigkeit: diese müssen für das Anpflanzen des genmanipulierten Saatgutes Lizenzgebühren bezahlen und das jedes Jahr aufs Neue. Es ist den Bauern nämlich verboten, Saatgut aus der eigenen Ernte fürs nächste Jahr zu gewinnen.

Der Fall des kanadischen Bauern Percy Schmeiser zeigt, zu welch verheerenden Folgen diese Entwicklung führen kann. Percy Schmeiser wurde vom amerikanischen Agrokonzern Monsanto wegen Patentverletzung angeklagt. Er habe Saatgut von genmanipuliertem Raps aus seiner Ernte gewonnen, statt es bei Monsanto zu kaufen. Das ist laut kanadischer Gesetzgebung nicht erlaubt, deshalb wurde Schmeiser zu einer hohen Busse verurteilt. Er hat aber nie transgenen Raps angebaut, sondern seine Felder sind von benachbarten Gentech-Feldern verseucht worden. Schmeiser hätte Monsanto benachrichtigen müssen, damit diese alle Gentechpflanzen auf seinem Feld hätten zerstören können! Dieser absurde Fall macht klar, wie eine jahrhunderte alte Praxis, nämlich die Gewinnung von Saatgut aus der eigenen Ernte, durch die Patentierung zu etwas Verbotenem wird. Die Praxis der Nachzucht ist vor allem für die Länder des Südens sehr wichtig und dient dazu, durch Austausch und Neukreuzungen das Saatgut laufend anzupassen und zu verbessern.

Kein taugliches Mittel gegen den Hunger in der Dritten Welt
Wegen dieser fatalen und dauernden finanziellen Abhängigkeit ist die Gentechnologie auch keine Alternative für die Landwirtschaft in den Ländern des Südens. Deshalb ist sie auch nicht die Wunderwaffe gegen Hunger in der dritten Welt, als die sie gerne dargestellt wird. Statt die Bauern Jahr für Jahr durch den Kauf von Gentech-Saatgut und die darauf abgestimmten Schädlingsbekämpfungsmittel in die totale Abhängigkeit von Agrokonzernen zu zwingen, gibt es bessere Methoden. Es ist gescheiter, biologische Methoden der Schädlingsbekämpfung zu erforschen und bekannt zu machen und die Bauern nicht nur für den Export sondern auch für den Eigenbedarf und den Verkauf auf dem lokalen Markt produzieren zu lassen. Hunger und Mangel sind vor allem eine Frage der Verteilung und des fairen Preises. Deshalb ist der Vorwurf völlig abwegig, satte Europäerinnen wie ich und andere aus gentechkritischen Organisationen könnten im Gegensatz zu den Menschen in der Dritten Welt die Gentechnologie ungestraft ablehnen, weil wir genug zu essen hätten, während der hungerleidende Süden darauf angewiesen sei. Im Gegenteil, wie ich ausgeführt habe, wird der Hunger mit der Gentechnologie nicht nachhaltig bekämpft, sondern langfristig durch die finanzielle Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern noch grösser.

Kein Bedarf nach Gentechfood in Europa
Noch weniger Argumente gibt es für den Einsatz der Gentechnologie in der Nahrungsmittelproduktion bei uns in Europa. Es gibt nicht nur keinen Mangel an Nahrungsmitteln, sondern durch diverse Lebensmittelskandale und Krisen wie den Rinderwahnsinn sind die Konsumentinnen und Konsumenten ausserordentlich sensibilisiert auf die Qualität de Lebensmittel. Deshalb wird Gentech-Food von einer grossen Mehrheit, von 80%, deutlich abgelehnt und es ist zu einem eigentlichen Markenzeichen geworden, gentechfreie Ware anzubieten. Und das nicht nur für kleine Alternativläden sondern für Grossverteiler. Die Konsumentinnen und Konsumenten wollen sicher sein, dass sie gentechfreie Produkte kaufen, deshalb verlangen sie eine einwandfreie und lückenlose Deklaration vom Feld bis auf den Teller. Der Verkauf biologischer Produkte erlebt zur Zeit einen eigentlichen Boom.

Deshalb ist es unverständlich, was Gentechnik in der Nahrungsmittelproduktion in Europa soll. Brasilien hat die Zeichen der Zeit erkannt, es profitiert von diesem Boom in Europa. Während die Lieferung von Mais aus der USA nicht zuletzt wegen der Furcht der Verseuchung durch Gentechnologie um 350 Millionen bushels (1 bushel =36,35 Liter) zurückging, schnellen die brasilianischen gentechfreien Maisexporte nach Europa in die Höhe. Ein Marktvorteil für ein Land, das sich der gentechfreien Landwirtschaft verschrieben hat!

Weltweit wächst der Widerstand
Der Widerstand wächst. Kroatien, Sri Lanka und Bolivien verlangen ein Moratorium für die kommerzielle Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen. Italien, Frankreich, Österreich, Dänemark, Luxemburg, Griechenland, Neuseeland, Thailand, Algerien, Kenia und Belgien setzen ebenfalls auf ein Moratorium. Auch in der Schweiz ist eine überwältigende Mehrheit von 73% für ein Moratorium für die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen in die Umwelt.

Aber auch in der bisher eher unkritischen USA wächst der Widerstand gegen die Gentechnologie. So sind, um nur ein paar Beispiele zu nennen, in letzer Zeit in den Staaten Maryland, North Dakota und Vermont insgesamt 11 parlamentarische Anträge eingegangen, die ein Verbot oder wenigstens ein Moratorium für Gentechsaatgut oder Gentechtiere verlangen. In Kanada und Argentinien haben Biobauern Gentech-Saatgutfirmen wegen Verunreinigung ihrer Felder durch wilde Einkreuzungen gentechnisch veränderter Pflanzen eingeklagt.

Aktuelle Diskussion in der Schweiz
Im Jahre 1998 stimmten die Schweizer über eine Initiative ab, die die Herstellung , den Erwerb und die Weitergabe genetisch manipulierter Tiere, die Freisetzung genetisch veränderter Organismen und die Patentierung genetisch veränderter Tiere und Pflanzen verbieten wollte. Sie wurde nach einem heftigen, emotionalen und dem teuersten je erfolgten Abstimmungskampf mit 66% Neinstimmen abgelehnt.

Während der Kampagne behaupteten die gentechfreundlichen Kreis, die medizinische Forschung sei zur Bekämpfung menschlicher Krankheiten auf gentechnisch veränderte Tiere angewiesen. Dieses Argument, mit sehr viel Geld der grossen Basler Chemiekonzerne unter die Leute gebracht, verfing und besiegte die Genschutz-Initiative. Die Umfragen zur Initiative sagten aus, dass das Verbot der Gentechnologie im Lebensmittelbereich hingegen durchaus eine Mehrheit gehabt hätte.

Seither versucht das Schweizer Parlament mühsam, eine Gesetzgebung, die sogenannte Gen-Lex, auszuarbeiten, die Mensch und Umwelt vor den schlimmsten Auswirkungen der Gentechnologie schützen und die Interessen der Schweizer Wirtschaft nicht beeinträchtigen soll. Ein schwieriges und immer noch heftig umstrittenes Unterfangen! Die grossen Auseinandersetzungen in der zweiten Kammer, im Nationalrat stehen uns noch bevor und der Ausgang, das heisst wie restriktiv oder liberal die Gesetzgebung schliesslich werden wird, ist noch nicht entschieden. Vor allem die Frage nach der Haftung für Schäden der Gentechnologie ist heftig umstritten.

Ebenfalls steht die Frage nach der Patentierung von Lebewesen und Pflanzen zur Diskussion. Im Moment läuft die Vernehmlassung über eine Revision des Patentrechtes. Eine weitere harte Auseinandersetzung steht uns bevor.

Widerstand lohnt sich
Ist es nicht interessant, dass in der Schweiz, im Heimatland der grossen Lebensmittel- Chemie- und Agro-Konzerne wie Nestlé, Novartis und Syngenta bis heute keine einzige Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen in die Umwelt bewilligt wurde, weder experimentell noch kommerziell? Warum wohl? Weil der Widerstand der Bevölkerung enorm ist, sie ist mit grosser Mehrheit dagegen. Gerade kürzlich hat das Bundesamt für Umwelt wieder ein Gesuch abgelehnt, gentechnisch manipulierten Weizen freizusetzen, weil die Gefahren zu gross seien und weil menschen- und umweltverträgliche Alternativen existierten. Dass die Schweizer Landwirtschaft gentechfrei geblieben ist, ist ein grosser Vorteil. Sie profitiert vom Label naturnah, biologisch und gentechfrei. Damit haben die Schweizer Bauern eine gute Zukunftschance, gute Absatzmärkte, denn das ist eine Landwirtschaft mit Zukunft, die viel bessere Alternative zu Gentechfood.

Fazit
Kaum eine Erfindung seit der Atomtechnologie ist so umstritten wie die Gentechnologie: sie verspricht die Heilung von Krankheiten, den Schutz der Umwelt vor Schädlingen und die Bekämpfung des Hungers. Sie ist aber auch voller Risiken für Mensch und Umwelt. Durch die Tiefe des Eingriffs ins Erbgut der Lebewesen und durch die Überschreitung der Artengrenze verändert sie diese irreversibel und mit unbekannten Langzeitfolgen. Deshalb ist grosse Skepsis und Zurückhaltung gegenüber dieser Technologie nicht nur gut, sondern lebensnotwendig. Es muss auch immer die Frage gestellt werden, ob es nicht bessere und ungefährlichere Alternativen dazu gebe, nicht nur in der Schweiz, sondern überall. Keinesfalls dürfen uns nur wirtschaftliche Interessen bei dieser Entscheidung leiten, sondern in erster Linie die Interessen derer, die über keine grosse Lobby verfügen: die Bäuerinnen und Bauern aus den Ländern des Südens, die Umwelt, Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen. Erst nach Abwägung all dieser Güter darf eine Entscheidung getroffen werden. Dass die Zukunft der Gentechnologie gehören muss, ist kein Naturgesetz. Es gibt durchaus Alternativen. Wie das Beispiel der gentechfreien Landwirtschaft in der Schweiz zeigt, kann sich der Widerstand durchaus lohnen.   
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