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Predigt in der Pfarrkirche Sempach

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(Un)geliebte Prophetinnen
Predigt in der Pfarrkirche Sempach, am 22./23. Oktober

Es ist für mich ein eigenartiges Gefühl, da vorne in dieser Kirche zu stehen! In diesem Raum war ich in meiner Kindheit regelmässig zu Besuch, hier habe ich damals einen ganz erheblichen Teil der Zeit verbracht: immer Sonntagmorgens, mehrmals wöchentlich während der Schulmesse, an all den Feiertagsgottesdiensten, Maiandachten, zudem war ich fast 14-täglich zum Beichten hier in dieser Kirche. Ich habe, im Unterschied zu heute, das Geschehen allerdings immer aus der anderen Perspektive wahrgenommen, aus der gleichen wie Sie, liebe Kirchenbesucherinnen und Besucher: von hinten nach vorn. Und da zu meiner Zeit den Mädchen das Ministrieren noch nicht erlaubt war, kann ich mich nicht erinnern, diesen Teil der Kirche damals je betreten zu haben.

Meine Sempacher Herkunft ist also einer der Gründe, warum ich heute hier vor Ihnen stehe und predige. Und wenn das Ihnen ungewohnt vorkommt, so gilt das auch für mich: es ist für mich das erste Mal in meinem Leben, das ich eine Predigt halte! Als mich die Vorbereitungsgruppe anfragte, vor mehr als einem Jahr, war gerade ein Interview in der Neuen Luzerner Zeitung erschienen. Unter der Rubrik „Wie hältst du es mit der Religion?“ war ich zu meiner Beziehung zur Kirche und zum Verhältnis meiner Politik mit religiösen Grundwerten befragt worden und ich habe darin auf auffallende Parallelen hingewiesen. Und der Titel der heutigen Predigt ist inspiriert durch eine Veranstaltung im Romerohaus in Luzern, an der ich zusammen mit der ehemaligen WWF-Chefin Carol Franklin eingeladen worden war, um über die Rolle als eine Art (un)geliebte Prophetin zu reden.

Nun, was ist eigentlich eine Prophetin? In meinem Lexikon gibt es sie gar nicht, aber unter Prophet bin ich fündig geworden: ein Prophet ist ein Verkünder oder Deuter einer Gottesbotschaft, ein Weissager, ein Seher. Prophetie als Voraussage sei im Unterschied zur Prognose, welche auf rationalen Überlegungen beruhe, ein Vorauserkennen, das auf der aussergewöhnlichen Fähigkeit beruhe, ohne ausreichend belegbare Gründe über zukünftige Ereignisse etwas auszusagen.

Man könnte dieses Vorausschauen statt als prophetisch auch als visionär bezeichnen. Was heisst das auf meine Politik übersetzt? Das heisst für mich, die Vision einer Welt zu haben, die allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht und politisch danach zu handeln, auch wenn ich dafür als Gutmensch, als blauäugig, als naiv verunglimpft oder belächelt werde.

Das Vorauserkennen heisst zum Beispiel auch, dass ich mich in der Umweltpolitik für eine Senkung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe engagiere, ohne den letzten wissenschaftlichen Beweis dafür zu haben, dass die Häufung der Umweltkatastrophen der letzten Zeit, denken Sie an die Hurrikans, an die Überschwemmungen, nicht einfach eine Laune der Natur sind, sondern von uns Menschen durch unseren verschwenderischen Lebensstil mit verursacht sind.

Biblische Prophetinnen
In der biblischen Zeit gab es wenig Prophetinnen, aber das wundert ja auch nicht, stammen doch die biblischen Texte aus Zeiten, in denen das Patriarchat die vorherrschende Form der Geschlechterbeziehungen war. Wer weiss schon, dass Moses eine Schwester hatte, die Mirjam hiess und zur Zeit des Auszugs aus Ägypten als Führungspersönlichkeit eine wichtige Rolle spielte? Heute noch kennt jedes Kind Moses, der im Auftrag Gottes Israel aus Ägypten geführt hat und dem die Gesetze übergeben worden sind. Wer aber kennt die Prophetin Mirjam, wer weiss, dass sie zur Zeit des Auszugs aus Ägypten eine Rolle gespielt hat, die der von Moses mindestens ebenbürtig war?

Oder haben Sie gewusst, dass es die Prophetin Debora gegeben hat, die ein halbes Jahrhundert nach Mirjam gelebt hat, eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein soll, welche die zerstrittenen Stämme Israels zu gemeinsamem Handeln motivieren und damit eine grosse Bedrohung von Israel abwenden konnte? Oder die Prophetin Jael, die mutig und entschlossen den feindlichen Heerführer Sisera in ihr Zelt lockte und erschlug und damit Israel rettete? Oder die Prophetin Hulda, deren Geschichte im zweiten Buch der Könige, im Kapitel 22 beschrieben ist, die hellseherische Fähigkeiten besessen haben soll und von Gesandten des Königs aufgesucht worden ist, um die Zukunft vorauszusagen?

Wenn Sie von diesen Prophetinnen bis heute noch nie etwas gehört haben, Ihnen aber die Namen der vier grossen Propheten Jesajas, Jeremias, Ezechiel und Daniel geläufig sind, dann zeigt dies, dass die Rolle starker Frauen sowohl in der Geschichte der Kirche unterschlagen worden ist, wie auch in der Kultur und in der Politik. Das heisst nichts anderes, als dass geistesgeschichtlich wichtige Identifikationsfiguren fehlen, an denen sich Generationen von Frauen hätten orientieren können und deshalb befinden sich Frauen, die den Schritt an die Öffentlichkeit wagen, immer noch in einer Art Pionierinnen-Phase.

Die Schwierigkeiten der Frauen in der Öffentlichkeit heute
Bis heute braucht es für Frauen mehr Mut, sich öffentlich zu exponieren. Deshalb ist es bis heute schwieriger, sich als Frau aufs öffentliche Parkett zu begeben und hat bis heute die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Geschehen immer noch nicht die Selbstverständlichkeit, wie das für Männer der Fall ist. Das zeigt die überdurchschnittlich hohe Quote von abgewählten Frauen in der Politik ganz deutlich.

Der Blick in die Bibel kann also durchaus als Ausgangspunkt genommen werden, um auf die heutige Rolle von „prophetischen Frauen“ zu sprechen zu kommen. Damals wie heute haben es „herausragende“ Frauen schwieriger, ernst genommen und gehört zu werden, sobald sie aus traditionellen Rollen ausbrechen und in der Öffentlichkeit eine wichtige Stellung innehaben oder mutig unbequeme Dinge sagen!

Für die Jüngeren unter Ihnen möchte ich in Erinnerung rufen, dass es für mich und die Frauen meiner Generation noch nicht im Dunkel der Geschichte liegt, dass die älteste Demokratie der Welt, die Schweiz, der Hälfte ihrer Bürger, den Frauen, die Bürgerrechte vorenthielt! Das ist mir noch in lebendiger Erinnerung, ich war damals bereits als Lehrerin tätig, durfte aber bei der Schwarzenbach-Initiative 1970 nicht abstimmen!

Eigenen Erfahrungen und die Lehren daraus
Die Erfahrung dieser Ungerechtigkeit hat mich stark sensibilisiert für Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft überhaupt. Es war damals noch nicht eine politische Prägung, die mich hellhörig machte, es war die konkrete Erfahrung der Diskriminierung als Frau. Und das vor dem Hintergrund einer religiösen Sozialisation, die mich gelehrt hatte, dass vor Gott alle Menschen gleich seien, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes sei, dass alles, was man dem geringsten seiner Brüder antue, man Gott antue, und dass man seinen Nächsten lieben solle wie sich selbst. Die Kirche hat mir mit Jesus von Nazareth einen Menschen als Vorbild gegeben, der nicht auf der Seite der Habenden sondern auf jener der Habenichtse gewesen war und der all die Aussenseiter, die Geächteten und Verstossenen der Gesellschaft, in sein Herz geschlossen hatte.

Wenn ich das in die politische Sprache übersetze, heisst das nichts anderes, als dass alle Menschen eine unveräusserlich Würde haben, dass alle Menschen, ohne Ansehen der Herkunft, des Geschlechtes, der Religion und Sprache, der sozialen Stellung, gleichwertig sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein Einstehen für Gerechtigkeit, für Schwache, für Menschen am Rande der Gesellschaft, hier in dieser Kirche eine ihrer starken Wurzeln hat.

Ich werde oft gefragt, wie ich es aushalte, wegen dieses Einstehens angefeindet zu werden, woher ich die Kraft nehme, immer wieder anzutreten, mich auszusetzen, oft auch immer wieder zu unterliegen. Ich bin sicher, dass die Grundüberzeugungen, für Gerechtigkeit und Solidarität ein zustehen, mir nebst der familiären Prägung schwergewichtig durch meine religiöse Sozialisation mitgegeben worden ist. Aus dieser tiefen Überzeugung, nicht nur das richtige Menschenbild zu denken, sondern auch noch dafür ein zustehen, wenn Menschen ungerecht behandelt werden, schöpfe ich die Energie, die Kraft zum Weitermachen.

Gemeinsame Grundwerte
Die Grundwerte der Kirche, die mich geprägt haben, sind auch die Grundwerte meiner Politik. Wenn wir in der Bibel zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen werden, heisst das wiederum in die Sprache der Politik übersetzt: Schutz der Umwelt und Nachhaltigkeit. Die Pflicht zur Bewahrung der Schöpfung ist die zweite starke Wurzel, aus der ich mein Engagement ableite: den Einsatz für eine lebenswerte Welt und zwar nicht nur für mich hier und heute in der Schweiz, sondern für alle Menschen auf diesem Planten und auch für die kommenden Generationen. Ich finde deshalb den Gedanken unerträglich, dass wir uns unseren Lebensstil dank einer Energie leisten können, die für Generationen nach uns tödlich strahlende Abfälle hinterlässt. Ich finde den Gedanken unerträglich, dass wir mit unserem Lebensstil diesen Planeten so aufzuheizen, dass die kommenden Generationen durch Wirbelstürme und Überflutungen mit massiver Zerstörung und Tod bedroht sind, ohne dass ich dagegen etwas getan hätte, nämlich einerseits selber umweltgerecht zu leben und andererseits politisch immer wieder einzufordern, dass unser Handeln nachhaltig sein müsse und dass wir mit der Erde nicht so umgehen könnten, als hätten wir noch eine zweite im Keller!

Viele der Werte, die mir durch die Kirche vermittelt worden sind, decken sich mit den Werten, für die ich politisch einstehe und es gibt und gab immer wieder gemeinsame Anliegen, ich denke da zum Beispiel an die Bekämpfung der Sonntagsarbeit oder das Engagement gegen die Verschärfungen im Asylrecht, um gerade zwei aktuelle Beispiel zu nennen.

Es gibt also durchaus Parallelen zwischen Parteien und Kirchen. Beides sind Institutionen, die Menschen Werte vermitteln, die Sinn stiften, die Stellung nehmen zu gesellschaftspolitischen Fragen. Für mich sind die Kirchen und Parteien glaubwürdig, deren Exponenten das, was sei predigen, auch tun. Für mich als Politikerin ist die Glaubwürdigkeit, die Authentizität, eine der wichtigsten Eigenschaften, die es für die Arbeit in der Öffentlichkeit braucht. Wahrscheinlich verfügten die biblischen Prophetinnen in einem hohen Mass über diese Eigenschaft. Und da sie als glaubwürdige Personen den Menschen nicht nur frohe Botschaften bringen, ihnen nicht nur nach dem Maul reden konnten, sondern oft auch Unerfreuliches sagen mussten, waren sie nicht nur geliebt. Da teile ich durchaus ein Stück weit das Schicksal mit den Prophetinnen Wer aber nur geliebt sein will, sollte die Hände vor einem öffentlichen Amt lassen. Wer sich einsetzt, setzt sich aus, bekommt Ablehnung und Anfeindung zu spüren. Aber nicht nur, es gibt auch berührende Zeichen der Unterstützung, viele positive Rückmeldungen auf mein politisches Engagement oder sogar die Anfrage, hier eine Predigt zu halten.

Schlussgedanken
Die Kraft, meine Rolle als (un)geliebte Prophetin auszuhalten und dabei nicht zu verbittern, speist sich für mich aus der Überzeugung, etwas für die Gerechtigkeit, für die Würde aller Menschen, für die Bewahrung der Schöpfung zu tun. In dieser Kirche hier in Sempach habe ich einen schönen Teil des Rüstzeuges und ein erstes Fundament dazu erhalten. Deshalb wird für mich dieser kirchliche Raum hier immer etwas Besonderes bleiben. Es wäre schön, wenn Sie meine Predigt dazu angeregt hätte, selber darüber nachzudenken, wer Ihr Wertesystem, Ihr Menschenbild am meisten geprägt hat und ob Sie selber von sich sagen können, dass Sie nach Ihrer Überzeugung leben und handeln, auch wenn es manchmal Mut dazu braucht.  
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