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Widerstände gegen die Gleichstellung

POLITIK
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Widerstände in der Gleichstellungsarbeit auf politischer Ebene
Fachtreffen vom 8. Juni 2006 - Gleichstellungs-Controlling

Vor kurzem war in der Zeitung zu lesen, dass Bundesrat Blocher die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten seines Departements abschaffen wolle. Von öffentlichem Protest dagegen habe ich nichts gehört. Ich weiss allerdings, dass Frauen der Grünen Fraktion in der Sommersession Vorstösse planen, um gegen diesen Abbau Protest einzulegen.

Dieses Vorgehen scheint mir symptomatisch für den Stand der Gleichstellungspolitik: es werden nicht mehr nur keine Fortschritte mehr erzielt, sondern mühsam erkämpfte Errungenschaften geraten zunehmend unter Druck.

Bevor ich aber auf meinen eher alarmierenden Befund der zu erwartenden Entwicklung und der Widerstände gegen die Gleichstellungspolitik komme, möchte ich ein paar Fakten in Erinnerung rufen, die Ihnen sicher mehr oder weniger gut bekannt sind. Es ist eine kurze Bilanz der letzten 30 Jahre. So alt ist etwa die Neue Frauenbewegung, die nach der Frauenstimmrechts-Bewegung in den 70-er Jahren mit dem Slogan «Das Private ist politisch» ihren Anfang nahm.

Gleichstellung der Geschlechter – eine Bilanz der letzten 30 Jahre
Ein Nebeneinander von Fortschritt und Stagnation kennzeichnet das Bild der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Schweiz. Während in den Bereichen Ausbildung und Erwerbsbeteiligung deutliche Fortschritte erzielt worden sind, konnte bei den Erwerbstätigen die ungleiche Geschlechterverteilung auf den Vollzeit- und Teilzeitsektor nicht überwunden werden. Auch bei der Berufswahl junger Männer und Frauen hat es in den letzten Jahrzehnten nur geringe Veränderungen gegeben. Die Unterteilung in typische Frauenberufe und typische Männerberufe ist nach wie vor Realität.

Immer noch die klassische Rollenteilung in der Erwerbs- und Hausarbeit
Die Haus –und Familienarbeit bleibt Sache der Frauen. Durchschnittlich investieren Frauen fast doppelt soviel Zeit wie Männer in diesem Bereich. Das Erwerbsleben der Frauen ist geprägt von Anpassungen an die familiäre Situation: Erwerbsunterbrüche und Teilzeitarbeit sind der Normalfall. Frauen haben im Allgemeinen eine niedrigere berufliche Stellung als die Männer. Weit mehr Frauen als Männer sind Angestellte ohne leitende Funktion. Männer sind deutlich häufiger Selbständigerwerbende oder in leitenden Funktionen.

Die Erwerbsquote der Frauen beträgt 59, jene der Männer 77 %. Frauen sind also stärker von Erwerbslosigkeit betroffen.

Der Skandal der ungleichen Löhne bleibt bestehen
Die Löhne der Frauen sind immer noch deutlich niedriger als jene der Männer, der standardisierte monatliche Bruttolohn der Frauen im privaten Sektor betrug 2002 4’586 Franken, jener der Männer 5’796. Das entspricht einer Lohndifferenz von 20.9 %. In der Bundesverwaltung ist er zwar geringer, aber auch immer noch 10.7 %. Seit 1998 stellt man eine Stagnation dieser Unterschiede fest und vielleicht ist das kein Zufall, weil der Druck auf das Thema nicht mehr anhält oder offensichtlich nicht mehr gross genug ist. Nach 10 Jahren Gleichstellungsgesetz wurden in einer Studie insgesamt 269 Gerichtsentscheide und 355 Schlichtungsverfahren ausgewertet und das Fazit lautet: Fortschritte, gewiss, aber eine herausragende Verbesserung kann weder die Arbeitgeber- noch die Arbeitnehmerseite entdecken. Ein etwas besseres Bild als in der Privatwirtschaft gibt es im öffentlichen Sektor, da sind klare Fortschritte erzielt worden. Für Arbeitnehmerinnen ist es immer noch die Angst vor einer Kündigung, die sie von Lohngleichheitsklagen abhält. Mehr als die Hälfte der Arbeitsverhältnisse übersteht eine Lohnklage nicht, ob diese erfolgreich war oder nicht.

Stagniert hat auch die ausgeprägte Unterteilung der Erwerbsbevölkerung in einen männlich geprägten Vollzeitsektor und einen weiblich geprägten Teilzeitsektor. Im Jahr 2000 waren 51 % aller erwerbstätigen Frauen Teilzeit beschäftigt, während dies lediglich auf 9 % der erwerbstätigen Männer zutraf. Gesamthaft betrug der Frauenanteil an den Vollzeit erwerbstätigen Personen knapp 30 %, an den Teilzeit Beschäftigten dagegen 82 %. Wir kennen die Gründe: einerseits bietet eine Teilzeit Erwerbstätigkeit vielen Müttern die Möglichkeit, Beruf und Familie zu verbinden, andererseits wirkt sie sich negativ auf das Einkommen, die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten und die Leistungen der Sozialversicherungen aus.

Eine letztes Jahr publizierte Studie des WEF (manchmal kann man sogar Erzeugnisse des WEF gebrauchen) kommt zum Schluss, dass es in der Schweizer Arbeitswelt für Frauen sehr schwierig sei. Beim Messen des global gender cap schneidet die Schweiz vor allem was die Stellung der Frauen in der Arbeitswelt angeht, sehr schlecht ab: von 58 Staaten rangiert sie nur auf dem Platz 42, was die Teilnahme und Integration der Frauen in der Arbeitswelt anbelangt. Tiefe Frauenlöhne, Lohnungleichheit, prekäre Anstellungsverhältnisse und keine Frauen in Kaderpositionen nennt die Studie als Gründe für das schlechte Abschneiden der Schweiz in dieser Studie.

Frauen auch auf dem politischen Parkett untervertreten und gefährdet
Besser weg kommt die Schweiz in dieser Studie was die Stellung der Frauen in der Politik betrifft, da rangiert sie auf Platz 17 der 58 untersuchten Staaten. Meine Interpretation dieses Ergebnisses lautet: da die Politik an Bedeutung verloren hat und die Wirtschaft immer mehr das Primat über der Politik hat, ist die Politik für Männer weniger wichtig und deshalb haben es die Frauen einfacher, ein politisches Mandat zu erhalten. In der Wirtschaft aber, dort wo es wirklich um die Wurst geht, wo Geld, Macht und Einfluss zusammenkommen, wo wirklich über Sein oder Nichtsein entschieden wird, da sind die Männer immer noch fast unter sich und die Frauen haben keinen relevanten Einfluss.

Werfen wir also noch einen Blick auf die Stellung der Frauen in der Schweizer Politik: obwohl die Frauen die Mehrheit der Wahlberechtigten ausmachen, sind Frauen in den Parlamenten und Regierungen untervertreten. Im Nationalrat 26%, im Ständerat 24%, in den kantonalen Parlamenten 24% und in den kantonalen Regierungen 22%. Im Bundesrat werden wir nach dem 14. Juni den prozentual höchsten Frauenanteil von 28% haben.

Einen traurigen Rekord haben die Frauen in der Politik punkto Abwahlen: fast die Hälfte aller Exekutivpolitikerinnen auf Bundes- und Kantonsebene ist unfreiwillig zurückgetreten. In den letzten fünf Legislaturperioden sind von 96 Regierungsrätinnen 9 abgewählt worden - die zurückgetretene Dorothee Fierz ist da noch nicht mitgezählt – das sind 9.4 Prozent. Demgegenüber sind von 724 Regierungsräten deren 20 abgewählt worden, das sind 2.8 Prozent.

Und wenn am 14. Juni Doris Leuthard als erste Frau ohne jeden Widerstand und ohne jede Geschlechterdebatte in den Bundesrat gewählt wird, würde ich das noch lange nicht als Zeichen der Normalisierung deuten, sondern eher als Zusammenspiel aller wichtigen Umstände wie, dass die CVP nur noch einen und deshalb unbestrittenen Sitz hat, dass die personelle Auswahl innerhalb der CVP gering ist und dass das Profil der Kandidatin mit dem der Partei sehr konform ist. Und wenn ich Doris Leuthard eines wünsche, dann dies, dass ihr kometenhafter Aufstieg kein schlechtes Omen dafür sei, dass Frauen zwar schnell mehr hochgejubelt werden als Männer, aber beim kleinsten Fehler auch umso brutaler wieder hinunter gemacht werden.

In der Gesetzgebung explizite Gleichstellung - und implizit?
Müsste ich jetzt noch eine Analyse der Rechtslage anfügen, so würde die sehr positiv ausfallen: es gibt meines Wissens kein Gesetz mehr, das explizit die Frauen diskriminiert, da haben Politikerinnen in den letzten 20 Jahren ganze Arbeit geleistet und auch viel erreicht. Implizit aber können sich natürlich auch geschlechtsneutrale Gesetze diskriminierend auf Frauen auswirken. Wenn zum Beispiel die Soziale Sicherheit stark von der Erwerbsarbeit abhängt, und die Frauen so viel weniger in die Erwerbsarbeit integriert sind, wie ich vorhin aufgezeigt habe, so ergibt das eine Schlechterstellung der Frauen in der sozialen Sicherung, obwohl sich kein Gesetzesparagraph mehr finden lässt, der Frauen namentlich diskriminiert. Oder wenn die AHV saniert werden soll, in dem das Frauenrentenalter angehoben wird, so tönt das vordergründig sehr geschlechtergerecht, beim genauen Hinschauen merkt man aber schnell, dass es nichts anderes als eine Sanierung auf dem Buckel der Frauen ist, die mit Gleichstellung wenig zu tun hat,
  • solange Frauen in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen noch schlechter gestellt sind als die Männer,
  • solange die Frauenlöhne immer noch viel tiefer sind als die Männerlöhne,
  • solange es immer noch kaum Frauen in Kaderpositionen gibt,
  • solange Frauen immer noch den Löwenanteil der gesellschaftlich notwendigen unbezahlten Arbeit leisten,
  • solange Frauen durch Haushalt und Erwerbsarbeit mehrfach belastet sind,
  • solange genügend ausserhäusliche Betreuungseinrichtungen fehlen.

  • Ein paar positive politische Highlights der letzten Jahre
    Die lang erkämpfte Fristenregelung ist vor zwei Jahren mit grosser Mehrheit angenommen worden und eine bescheidene Mutterschaftsversicherung hat nach vielen Anläufen auch endlich eine Mehrheit gefunden. Sogar der Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe ist als Offizialdelikt ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden und vor einem Jahr hat die Mehrheit der Stimmenden dem Partnerschaftsgesetz deutlich zugestimmt.

    Alarmierende Tendenzen in neuerer Zeit
    Zur Zeit besteht die Gefahr, dass die Errungenschaften der Frauenbewegung in Gefahr geraten, rückgängig gemacht zu werden. Je geringer der politische und gesellschaftliche Druck auf die Gleichstellungspolitik ist und je mehr von Gender und je weniger von Feminismus die Rede ist, umso grösser ist die Befürchtung, dass wir mit starkem Widerstand rechnen müssen.

    Hellhörig geworden bin ich, als das «Facts» im Jahre 2001 die Gleichstellungsbüros frontal angriff und die Gleichstellungsbeauftragten generell als Klageweiber ohne Echo abqualifizierte. In der Politik werden die Antifeministen immer lauter, welche die Abschaffung der Gleichstellungsbüros fordern und behaupten, es sei eine Beleidigung für die Frauen, - wie bei den Quoten – denn wirklich gute Frauen hätten solche Hilfsmassnahmen nicht nötig, sie würden es allein auf Grund ihrer Qualität schaffen, die gleichen Positionen wie die Männer zu erreichen.

    Auffallend ist, wie regelmässig bei den Budgetdebatten die Gleichstellungsbüros im Visier der Sparer sind und diese haben es in den letzten Jahren noch viel einfacher: sie müssen gar nicht mehr ihre antifeministischen Argumente bemühen, der Hinweis auf die leeren Kassen genügt! Neu und beunruhigend kommt jetzt noch dazu, dass in verschiedenen Kantonen nicht mehr einfach die Abschaffung oder Verkleinerung der Büros gefordert wird, sondern dass reaktionäre Vorstösse gemacht worden sind, die Gleichstellungsbüros in Büros für Familienfragen umzuwandeln. Damit soll die Rolle der Frauen wieder zurückbuchstabiert werden und nicht mehr ihre Emanzipation steht im Vordergrund, sondern das angesichts des Geburtenrückgangs bedrohte klassische Familienmodell soll gerettet werden. Oder in Luzern steht die Umwandlung in eine Stelle für gesellschaftspolitische Fragen bevor, weil nur durch das Verstecken in einer Abteilung mit vielen anderen Themen wie der Integration für AusländerInnen und weitere, hofft die einzige Regierungsrätin, die Arbeit des Gleichstellungsbüros irgendwie politisch noch retten zu können.

    Wie das Beispiel des «Fact»-Artikels zeigt, sind auch die heutigen Medien keine sichere Verbündete im Kampf für die Gleichstellung mehr. Im Gegenteil! Wenn die Story süffig ist, werden auch Gleichstellungsbüros verheizt. Oder weil die Story nicht süffig ist! Die Medienbranche lebt immer mehr von Storys und der Newswert muss gross sein. Da hat das langwierige und unspektakuläre Gleichstellungsthema per se einen schweren Stand, denn die Gleichstellungsarbeit ist ein medial langweiliger Dauerbrenner ohne Möglichkeit, sexy aufgemacht werden zu können, wie es Yvonne-Denise Köchlin in ihrem Artikel «Die Kritik der Medien an den Gleichstellungsbüros ist reaktionär» im «Frauenfragen» 2/2003 beschreibt.

    Der politische Rechtsrutsch ist nichts Gutes für die Frauen
    In den letzten zwei Wahlen ins Nationale Parlament ist ein regelrechter Rechtrutsch passiert, der den reaktionären Kräften Auftrieb gegeben hat. Die SVP hat massiv zugelegt und ist stärkste Partei geworden, die 55 Mitglieder starke Fraktion hat nur 3 Frauen und eine davon ist die jüngste Frau überhaupt im Parlament. Sie brüstet sich damit, stockkonservativ zu sein. Sie hat denn auch als Einzige die schmalbrüstige Mutterschaftsvorlage noch bekämpft. In einer dem Thema «Frauen in der Politik» gewidmeten «Arena» kurz nach den 2003er Wahlen versuchten sich junge rechte Frauen als die modernen Frauen von heute darzustellen, die kein Problem mit Bundesrat Blocher haben - im Gegenteil, er ist ihr grosses Vorbild - und all das Gerede von Emanzipation als etwas Altmodisches und meine Generation von Feministinnen als verstaubte Vorgestrige darzustellen versuchten, deren Zeit längst abgelaufen sei.

    Die Wahl von Christoph Blocher und Hans-Rudolf Merz, die Abwahl von Ruth Metzler und die Nichtwahl von Christine Beerli ist Ausdruck dieser reaktionären Wende und die Abschaffung der Gleichstellungsbeauftragten im EJPD ist die folgerichtige und leider zu erwartende Konsequenz dieses Wandels. Wer so naiv war und glaubte, Christoph Blocher durch die Einbindung zu zähmen und zu bändigen, sieht sich jetzt eines besseren belehrt. Er hat die Tabubrüche salonfähig gemacht, nämlich all das, was in den letzten Jahrzehnten mühsam errungen worden war, wieder in Frage zustellen und rückgängig zu machen. Ich bin überzeugt, dass wir ein Gleichstellungsgesetz, ein Splitting in der AHV und das Anrechnen der Betreuungsgutschriften heute mit diesem Parlament kaum mehr durchbringen würden. Die Uhren in der Schweizer Politik im Parlament in Bern gehen massiv rückwärts und nur dank Referenden konnten wir das Schlimmste in den letzten Jahren verhindern.

    Neue Koalitionen dank härterer Gangart in der Politik
    Dafür wird der Schulterschluss zwischen den Partei-Frauengruppen und den traditionsreichen Frauenorganisationen wie dem Katholischen und dem Evangelischen Frauenbund mit den linksgrünen Parteien und den Gewerkschaften bei sozialpolitischen und frauenrelevanten Vorlagen immer enger, wie das bei der AHV-Auffanginitiative und dem Arbeitsgesetz-Referendum beispielhaft passiert ist. Bei der Mutterschaftsversicherung war eine ähnliche Konstellation, nur hat sie im vorletzten Anlauf nicht «verhebt», laut VOX-Analyse leider auch bei den Frauen nicht, weil die erwerbstätigen Mütter gegen die nicht erwerbstätigen Mütter ausgespielt wurden - und sich ausspielen liessen! Glücklicherweise gelang der letzte Anlauf doch noch, wenn auch bitte angemerkt werden muss, dass er nur gelang, weil es ein absolut minimalistisches Programm war.

    Dieses Zusammengehen ist einerseits Ausdruck des härteren sozialen Klimas in der Schweiz und andererseits Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins der Frauen in traditionellen Frauenorganisationen, eine Folge der feministischen Debatte der letzten 25 Jahre, davon bin ich überzeugt. Und die Frauen in den Frauenorganisationen haben sich von den Bischöfen - katholischer Frauenbund - emanzipiert und die Parteifrauen sind in der Regel auch fortschrittlicher als ihre Parteien. Das kann sich aber mit der neuen Generation von Frauen wie Doris Leuthard ändern: wenn Frau in einer bürgerlichen Partei Karriere machen will, dann kann sie das nur mit absoluter Stromlinienförmigkeit und ja ohne feministischen Einschlag!

    Schlechtes Beispiel aus der letzten Herbstsession
    Ein Beispiel des Niedergangs und ein absoluter Tiefpunkt politischer Kultur war die Debatte über das Sorgerecht für geschiedene Eltern. Der CVP-Nationalrat Reto Wehrli hatte in einem Vorstoss verlangt, dass die elterliche Sorge nach der Scheidung als Regelfall beiden Eltern gegeben werden müsse. Als vor fünf Jahren das neue Scheidungsrecht eingeführt worden war, gab es einen Konsens untern allen Frauen, nämlich dass die geteilte elterliche Sorge nur für Paare, die vor der Scheidung Kindererziehung und Erwerbsarbeit geteilt haben, eine gute Lösung sei, während dieses Modell für Frauen mit traditioneller Rollenteilung heisse, dass sie zwar weiterhin für die Alltagssorgen der Kinder allein zuständig sein werde, aber noch einen Exmann habe, der ihnen ständig in die Erziehung hineinreden werde. Damals wurde dank dieses Widerstandes der Frauen die geteilte elterliche Sorge nur auf Zustimmung beider Elternteile eingeführt. Jetzt im neuen Vorstoss von Reto Wehrli geht es darum, dies unabhängig von der vorher gelebten Rollenteilung als Regelfall einzuführen.

    Ich zitiere aus seinem Votum: «Zu Recht spricht man von einem System, das Väter "entsorgt", sei es bei unverheirateten Paaren, sei es im Scheidungsfall. Dies aber steht in offensichtlicher Weise dem Bedürfnis der Kinder entgegen. Zweitens ist die "Entsorgung" von Eltern für diese selber ungerecht und verletzt das Gleichbehandlungsgebot. Dabei sprechen wir nicht von Wünschen aus dem egalitären Ideenhimmel, sondern von echten, unmittelbaren Anliegen, die einen Kernbereich des Menschseins berühren. Man wundert sich deshalb, mit welcher Hingabe im vorliegenden Kontext gegen die Gleichbehandlung von Mann und Frau votiert wird, und zwar ausgerechnet von Kreisen, die sonst die Gleichstellung von Mann und Frau durchaus wortreich vertreten.»

    Ein Ausschnitt aus Toni Brunners Votum, der wohlverstanden bisher alle frauenpolitischen Vorstösse immer konsequent abgelehnt hatte: «Ich bin ein bisschen erstaunt über das Frauenbild einiger linker Parlamentarierinnen - die jungen sind ausgenommen -, weil es in diesem Punkt genau darum geht, dass Gleichbehandlung gelten und vorherrschen würde. Noch etwas an die Adresse der linken Frauen, die dieses Postulat bekämpfen: Letztlich ist ja gewährleistet, dass die Männer auch mehr in die Verantwortung genommen würden. Sie trauen den Männern nicht zu, dass sie auch mit den Kindern etwas machen könnten und sie erziehen könnten und letztlich auch die Verantwortung wahrnehmen könnten. Ich bin ein bisschen erschüttert über dieses Frauenbild. Das hat für mich so getönt, wie wenn man als Frau den ganzen Tag am Herd stehen würde, an jedem Rockzipfel ein Kind hätte und letztlich dann noch vom Morgen bis zum Abend allein für die Erziehung dieser Kinder verantwortlich wäre. Nein, wir trauen den Männern mehr zu als Sie, liebe Frauen! Darum wird die SVP-Fraktion hier mehrheitlich anders stimmen als Sie.»

    Es ging, wie aus verschieden Voten klar hervorging, vielen Männern im Parlament nicht etwa um die Betreuung der Kinder, sondern um das gesetzliche Sorgerecht. Diese Unterscheidung wurde klar gemacht! Es geht nicht darum, im Turnus mit der Mutter die Alltagssorgen mit den Kindern zu teilen und mit ihnen das Leben zu verbringen! Dagegen hätte ich gar nichts einzuwenden, im Gegenteil! Das fordern wir Feministinnen ja schon lange! Es geht bei der Forderung nach dem geteilten Sorgerecht um Macht und Einfluss auf die geschiedene Partnerin.

    Gleichstellungsbüros: Promotorinnen oder Bremserinnen?
    Zur feministischen Debatte haben in den letzten zwei Jahrzehnten auch die in vielen Kantonen, Städten und Verwaltungen eingeführten Gleichstellungs-Kommissionen und -Büros beigetragen. Diese haben einen schönen Teil des Diskurses, der früher in der Neuen Frauenbewegung geführt worden ist, übernommen und quasi offizialisiert. Die Frage, ob das die Frauenbewegung letztlich gestärkt oder geschwächt hat, finde ich weniger interessant als die Frage, wo wir denn nach 25 Jahren Neuer Frauenbewegung real stehen und da ist die Bilanz ambivalent.

    Einerseits finden sich heute überall Frauen mit feministischem Bewusstsein, die diese Optik in ihre Alltagsarbeit einfliessen lassen und was die Gesetzgebung anbelangt, gibt es, wie ich aufgezeigt habe, keine offensichtliche Diskriminierungen der Frauen mehr. Andererseits ist die reale Machtverteilung zwischen den Geschlechtern praktisch noch gleich wie eh und je. Die Frauen sind in allen entscheidenden Gremien in Politik und Wirtschaft massiv untervertreten und sie besitzen immer noch nur einen Bruchteil der materiellen Güter.

    Fazit aus dieser Analyse
    Ein Kulturwandel von der Dimension der feministischen Utopie ist nicht in einem Vierteljahrhundert zu erreichen. Da es bei diesem Kulturwandel ja auch nicht nur um eine Frage des Bewusstseins, sondern um eine ganz handfeste Umverteilung der Macht geht, sind die Widerstände entsprechend gross. Das habe ich und wahrscheinlich andere Feministinnen auch unterschätzt. Das heisst für mich, weiterhin durch Hartnäckigkeit und öffentliche Debatten das Bewusstsein schärfen. Das heisst aber auch, dass Frauen überall, wo Entscheidungen gefällt und Macht ausgeübt wird, hineingehen und mitmischen müssen. Geschenkt wird uns immer noch nichts!

    Wir haben unterschätzt, dass das Patriarchat so resistent ist, dass es einen so langen Atem und so viel Schnauf braucht und dass vor allem in Rezessionen die Luft furchtbar dünn werden kann. Aber all das, was von Feministinnen gedcht, analysiert, was diskutiert und geschrieben worden ist, der ganze feministische Diskurs kann nie mehr zurückgenommen werden. Dafür sorgen heute zu viele Frauen an zu vielen Orten! Diese Prozess ist zwar ein langwieriger und die Widerstände sind hartnäckig, aber der Prozess ist irreversibel, auch wenn es Rückschläge gibt wie zur zeit! Und er wird die Welt nachhaltig verändern. Bleiben wir daran!  
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