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Sind Ökologie und Ökonomie vereinbar?

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Stimmt es dass Ökologie und Ökonomie nicht vereinbar sind?
Festrede zur 15. Preisverleihung der Schweizerischen Umweltstiftung 25. Mai 2008

Die Schweizerische Umweltstiftung ist heute unsere Gastgeberin. Sie setzt sich nach ihrer eigener Definition ein für die Gleichberechtigung der Ansprüche von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft, mit andern Worten für eine nachhaltige Entwicklung. Deshalb unterstützt sie Bestrebungen umweltbewusster, zukunftsgerichteter Mitmenschen in Firmen, Organisationen, Behörden und im Privatleben, die sich persönlich für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und deren Artenvielfalt einsetzen und sie will durch die jährliche Verleihung eines Preises besondere Leistungen im Umweltschutz auszeichnen, sie der breiten Öffentlichkeit bekanntmachen und als beispielgebend herausheben.

Aus diesem Grund verleiht sie bereits zum 15. Mal einen Preis für besondere Leistungen an Personen, Firmen und Organisationen, die sich in beispielhafter Weise für die Umwelt engagieren. Dieses Jahr ist das der Unternehmer Erwin Oberhänsli, der seine Druckerei beispielhaft klimaneutral betreibt. Wie er das genau macht und was daran das ganz besonders auszeichnungswürdige ist, erfahren sie in der Laudatio von Christoph Muth, dem Präsidenten des Verbandes der Schweizer Druckindustrie. An zweiter Stelle wird die Firma Victorinox ausgezeichnet, die Ihnen sicher bestens bekannt ist als Herstellerin der praktischen und vielseitigen Taschenmesser, ich gestehe, dass ich mir ein Leben ohne ein solches Messer in der Handtasche kaum mehr vorstellen könnte. Die Victorinox wird heute aber nicht deswegen gewürdigt, sondern weil sie der Ökologie einen besonders hohen Stellenwert einräumt. Auch darüber werden in der Laudatio von Reto Wehrli, Nationalrat aus dem Kanton Schwyz, die interessanten Details erfahren. Der dritte Preis geht an den Landschaftschutz-Verband Vierwaldstättersee, der die Vielfalt und Schönheit der Landschaft gegen den Druck der Ökonomie zu erhalten versucht. Lorenz Bösch, Regierungsrat des Kantons Schwyz, wird in seiner Laudatio die Bedeutung dieses Engagements erläutern.

Lassen Sie mich zur Einstimmung in die heutige Preisverleihung einige Gedanken machen zur Frage, ob Ökonomie und Ökologie unvereinbar seien oder nicht. Denn wenn wir die heutigen Preisträger betrachten, bewegen sie sich alle im Grenzbereich dieser Frage und werde ja gerade dafür ausgezeichnet, dass sei diesen Ausgleich suchen. Also scheint es auszeichnungswürdig, wenn Ökonomie und Ökologie im Einklang stehen, der Umkehrschluss lässt vermuten, dass das also noch nicht der Normalfall ist, denn für den Normalfall wird man im Normfall ja nicht ausgezeichnet. Und wer im Normalfall den Kürzeren zieht, wenn es um die Interessen der Wirtschaft und die Interessen der Umwelt gegeneinander abzuwägen gilt, ist ja unschwer festzustellen. Die Umwelt verfügt nie über eine vergleichbar einflussreiche und finanzkräftige Lobby wie die Wirtschaft und dass sie regelmässig zweit macht, hat uns unter anderem auch den Klimawandel beschwert, an dem wir noch schwer zu beissen haben werden.

Ich möchte die Frage des Verhältnisses von Ökologie und Ökonomie unter zwei Gesichtspunkten etwa genauer betrachten:
  1. Was braucht es, - ausser solch motivierenden Preisverleihungen – damit es für die Wirtschaft interessant ist, sich ökologisch zu verhalten?
  2. Ist das heutige Wirtschaftssystem überhaupt ökologisierbar, wenn es sich im globalen Massstab einmal durchsetzt?

Zur ersten Frage: Was braucht es, damit es für die Wirtschaft interessant ist, sich ökologisch zu verhalten?

Über Pfingsten war ich mit dem Velo im Südbadischen unterwegs und da ist mir etwas extrem aufgefallen: kaum sind wir von Friedrichhafen aus ins Hinterland gefahren, bemerkten wir auf unzähligen Dächern von Häusern und Scheunen Solarzellen, etwas was in dieser Häufigkeit auf der Schweizer Seite des Bodensees in keiner Art und Weise anzutreffen ist. Da die Sonnenscheindauer und die klimatischen Verhältnisse auf beiden Seiten des Bodensees in etwa die gleichen sind, muss dieser augenfällige Unterschied in der Anwendung einer energiefreundlichen Technologie diesseits und jenseits des Bodensees andere Gründe haben. Und die liegen in der Politik: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG von 1998 - mit einer Vorläuferin von 1991 - erweist sich als das genialste Gesetz in der Geschichte der erneuerbaren Energien, weil Einspeisevergütungen für kostendeckende Vergütungen sorgen. Die Investoren erhalten eine Abnahme- und Preisgarantie der Netzbetreiber für jede verkaufte kWh Strom. Wenn also jemand in Deutschland auf einem Dach eine 30-Kilowatt-Solaranlage montiert, dann bekommt er fix 49,2 Cent pro Kilowattstunde während 20 Jahren. Dasselbe System gilt für Strom aus Wind, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft. Dank diesen gesetzlichen Rahmenbedingungen hat sich der Strombeitrag der erneuerbaren Energien in Deutschland innert 15 Jahren vervierfacht, und das dynamische Wachstum schwächt sich keineswegs ab, sondern nimmt eher zu. Bei der Photovoltaik kann man mit exponentiell steigender Produktion eine dynamische Absenkung der Kosten beobachten. Um das Jahr 2020 – in sonnenreichen Ländern schon wesentlich früher – wird erwartet, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Technik einstellt. Windenergie ist heute bereits wettbewerbsfähig.

Einspeisevergütungen verfolgen also nicht den Zweck nicht, Dauersubventionen zu installieren. Die Verbilligungen der neuen Technologien sollen es vielmehr ermöglichen, die kostenlosen Ressourcen Wind und Sonne effizient und dauerhaft zu nutzen. Und Erfolge stellen sich bereits ein: Der deutsche Umweltminister hat angekündigt, die jährliche Absenkung der Vergütung für Photovoltaik von 5% auf 8% bis 9% pro Jahr zu erhöhen, weil die Branche die Kosten schneller senken konnte als erwartet.

Dieses Beispiel zeigt, wie mit politischen Mitteln Ökonomie und Ökologie einander nahe gebracht werden können. Deutschland hat das fertiggebracht – fertig bringen müssen, weil der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen worden ist und alternative Methoden der Energiegewinnung gesucht werden mussten, um diesen Ausstieg zu ermöglichen und bereit zu sein an dem Tag, an dem die letzten AKWs vom Netz gehen und dieser Zeitpunkt naht schnell: im Jahr 2020 soll es soweit sein.

Die Schweiz hat die Einspeiseverfügung erst auf Januar dieses Jahres eingeführt und ist somit gegenüber Deutschland arg im Hintertreffen und hat sich die Chance, vorne mitzuhalten, um Jahre vertan. Der Erfinder der Photovoltaik soll ein Schweizer Unternehmer sein, das grosse Geschäft damit macht heute Deutschland.

Und der politische Widerstand ist gross, denn die Stromkonzerne behaupten immer noch, erneuerbare Energien seien „noch nicht konkurrenzfähig“ und hätten „kein Potenzial“, sie sagen: wir könnten nur mit Gas- oder Atomkraftwerken die „Energielücke“ schliessen, sonst würden die Lichter ausgehen. Die Elektrizitätswirtschaft gaukelt den Konsumenten vor, dank Atomenergie könne man getrost auf Energieeffizienz verzichten, brauche weder Energie zu sparen noch auf erneuerbare Energien umzustellen. Mit dümmlichen Werbespots suggeriert die AXPO, dass wer auf Solarenergie setze, ein bisschen plemplem sei, statt mit aller Kraft die Kunden zu motivieren, erstens Strom zu sparen und zweitens auf erneuerbare Energiemethoden umzusteigen. Seit einiger Zeit fordert die Atomlobby fast monatlich ein neues Atomkraftwerk, der Bundesrat und die bürgerlichen Parteien unterstützen leider dieses Vorhaben. Es wird mit 100%iger Sicherheit ein Referendum geben und somit steht der Schweiz eine heftige Auseinadersetzung um den Ausstieg aus dieser gefährlichen, absolut nicht zukunftsfähigen und teuren Technologie also noch bevor.

Auch die Hoffnung, dass fossile Energie uns in Zukunft einfach weiter zur Verfügung stehe, ist trügerisch. Die steigenden Öl- und Gaspreise sollten uns alarmieren. Die Ursachen sind vielfältig, der Verbrauch ist viermal höher als Öl-Funde, die Bohrungen müssen in immer tiefer liegenden Schichten der Erde gemacht werden, neue Öl- und Gasfelder sind immer kleiner und auch beim vermeintlich reichlich vorhandenen Erdgas zeigen sich Verknappungserscheinungen. In vielen traditionellen Produktionsländern, Holland, USA, Grossbritannien und in Westsibirien sinkt die Produktion. Wenn es überhaupt möglich wird, die Erdgasförderung noch zu steigern, dann nur im krisengeschüttelten Mittleren Osten mit all den politischen Implikationen, wie der Besuch der Schweizerischen Aussenministerin in Iran gezeigt hat oder aus immer weiter entfernten polaren Gebieten in Nordsibirien oder in Alaska, wo die Produktion mit erheblichen Umweltzerstörungen verbunden ist.

Die Antwort auf die erste Frage, was es für die Wirtschaft brauche, um sich ökologisch zu verhalten, ist damit wohl gegeben: es braucht die Wettbewerbsfähigkeit der umweltfreundlichen Technologien, das heisst gleich lange Spiesse um mit den traditionellen Technologien mithalten zu können. Dieses Ziel wird je schneller erreicht, umso klarer das Energieszenario eines Landes ist. Wenn man weiterhin auf allen energiepolitischen Hochzeiten tanzt, wie das die Schweiz tut, wird kein wirklicher Druck zum Umsteigen auf erneuerbare Energien ausgeübt und das hindert den wirtschaftlichen Erfolg der entsprechenden Alternativen.

Die zweite Frage lautet, ob das heutige Wirtschaftssystem überhaupt ökologisierbar sei, wenn es sich im globalen Massstab einmal durchsetze? Ich möchte Sie nicht mit Horrorszenarien erschrecken, aber wenn die ganze Welt das von uns propagierte Wirtschaftsmodell mit dem systemimmanenten Wachstumszwang anpeilt, dann Gnade diesem Planeten! Der ökologische Fussabdruck der Schweiz ist so gross, dass wir zwei Planeten brauchen würden, um unseren Lebensstil ohne Nachteil für die kommenden Generationen weiterführen zu können. Wir haben aber nur diesen einen! Und die boomenden Volkswirtschaften von China und Indien holen mit Riesenschritten auf und verfolgen das gleiche Wirtschaftsmodell wie der Westen, wer will es ihnen verargen? Und es wäre auch zynisch und egoistisch von uns, zu beanspruchen, dass uns das alles zusteht, aber denen, die sich das kapitalistische Wirtschaftsmodell später zu eigen gemacht haben, zu sagen, dass sie sich gefälligst bescheidener zu verhalten hätten, weil das die Erde ökologisch nicht ertrage. Das stimmt zwar, aber da haben wir noch eine alte Rechnung offen: da muss der Westen mit dem guten Beispiel vorangehen, denn an der Klimaerwärmung durch enorm hohen CO2-Ausstoss tragen Europa und die USA die Hauptverantwortung und nicht China und Indien! Und wenn es nicht gelingt, vom fatalen Zwang des Wachsenmüssens um jeden Preis wegzukommen, wird das dieser Planet nicht überstehen!

Deshalb bin ich überzeugt, dass es nur zwei Möglichkeit gibt, noch davon zu kommen: durch grundsätzliches Überdenken der Wachstumsideologie und durch politische Rahmensetzungen, die ökologisches Wirtschaften fördert und umweltschädliches Wirtschaften verhindert.

Dass dies der freie Markt nicht einfach richtet, beweist das Beispiel der Autobranche, das wir letzte Woche erfahren haben: die freiwillige Vereinbarung zwischen dem Bundesamt UVEK und „auto-schweiz“, eine durchschnittlich Absenkung des Treibstoffverbrauchs neuer Personenwagen um 3 Prozent pro Jahr bis im Jahr 2008 zu erreichen, wurde klar verfehlt. Zwar konsumierte ein Personenwagen von 1000 Kilogramm 1990 noch 7.5 Liter auf 100 Kilometer gegenüber heute nur noch 4.95 Liter. Aber da die Liebe der Autokäufer hin zu immer grösser und schwereren Autos geht, werden diese technischen Fortschritte gleich wieder zunichte gemacht. Das Leergewicht nahm nämlich im gleichen Zeitraum um sage und schreibe durchschnittlich 300 Kilo pro Auto zu. Versehen Sie, dass ich da am Nutzen der Freiwilligkeit solcher Vereinbarungen zweifle und mir eine verbindliche gesetzliche Regelung tausendmal lieber wäre?

Ich komme zum Schluss und zitiere einen Ausschnitt aus der Webseite der Schweizerischen Umweltstiftung: Das Wissen über die Bedeutung von Umwelt- und Naturschutz, die Erkenntnis der Notwendigkeit, Lebensräume und deren Artenvielfalt für Menschen, Tiere und Pflanzen zu erhalten sowie die Einsicht, dass einer nachhaltigen Entwicklung zum Durchbruch verholfen werden muss, wenn wir in einer stabilen und zukunftsfähigen Gesellschaft leben wollen, das will die Stiftung mit der heutigen Preisverleihung fördern.

Über die diesjährigen Preisträger werden Sie in den folgenden Laudatien mehr erfahren. Ich bin selber gespannt, womit genau die Ausgezeichneten aufgefallen sind und wünsche Ihnen viel ökologische Einsichten in die ökologischen Absichten und Taten der Geehrten. Schön wäre es, wenn ihr Beispiel Schule machen würde!

Quellen:  
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