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«Beherzt und unerschrocken»

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Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete
Rede zur Vernissage des Buches «Beherzt und unerschrocken», 13. Oktober 2008

Die Herausgabe des Buches "Beherzt und unerschrocken - wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete", ist der Anlass dafür, warum wir heute zusammengekommen sind. Judith gefällt es sicher, dass wir so viele sind, ist sie doch eine begnadete Networkerin und bekannt dafür, Gruppen, Arbeitsgruppen, Treffen, Stamms etc. zu bilden. Das neueste Beispiel ist das Josi-Meier-Gedenktreffen: aus Anlass von Josi Meiers Todestag lädt Judith Stamm die politischen Weggefährtinnen von Josi Meier aus der ganzen Schweiz zu einem Treffen in Luzern ein.

Gleich zu Beginn eine kleine Anmerkung: das Buch erscheint im Xanthippe-Verlag, ich gehe davon aus, dass der Name Xanthippe Judith Stamm nicht erschreckt, denn Xanthippe war wahrscheinlich eine streitbare Frau, die von ihrer patriarchalen Umgebung und den männlichen Autoren zur Streitsüchtigen umdefiniert worden ist. Denn ich vermute schwer, dass die Streitsucht, die man ihr andichtete, eher Streitbarkeit war, weil sie sich einfach nicht alles bieten liess und insofern ist sie durchaus eine Geistesverwandte von Judith Stamm. Und der Vorwurf der Verbissenheit, mit der Judith ihre Anliegen verfolgt haben soll, zielt in eine ähnliche Richtung: eine Frau, die sich wehrt, karikiert man gern als verbissen, uncharmant und streitsüchtig. Wäre sie männlichen Geschlechts, hiesse das hartnäckig, ehrgeizig und zielstrebig.

Die Verlegerin heisst Yvonne-Denise Köchli und ist Ihnen vielleicht noch ein Begriff, weil sie als Redaktorin der "Weltwoche" aufsehen erregende Artikel über Politikerinnen und die Emanzipation der Frauen geschrieben hat, aber das war in der Vor-Köppelschen Zeit, als man die Weltwoche noch lesen konnte!

Der Xanthippe-Verlag sagt von sich selbst, dass seine Bücher vermeintliche Gewissheiten hinterfragten, den journalistischen Biss, aber nicht die Aufgeregtheit des Tagesgeschäftes hätten und Geschichten von Menschen zusammentragen und diese in einen politischen Kontext stellen würden. Xanthippe-Büchern liegen - immer noch laut Eigendefinition - sorgfältige Recherchen zugrunde und gleichzeitig sei es der Anspruch der Autorinnen, sich nicht in Details zu verlieren, sondern eine Gewichtung der Fakten vorzunehmen, denn Xanthippe-Bücher sollen ein Lesevergnügen sein.

Der Autorin Nathalie Zeindler ist das bestens gelungen, ich habe das Buch in einem "Schnuz" durchgelesen, habe dabei oft geschmunzelt und manchmal etwas die Stirne gerunzelt, weil ich Judith da und dort vielleicht eine Nuance anders dargestellt hätte, aber auf jeden Fall habe ich mich nicht eine Sekunde gelangweilt. Und das nicht zuletzt deshalb, weil das Buch ein äusserst abwechslungsreiches Puzzle von verschiedenen Textsorten ist. Da wechseln sich biografische Notizen der Autorin ab mit Interview und chronologischer Kurzfassung des Stammschen Lebens, Aussagen von Jungpolitikerinnen über die Generation von politischen Pionierinnen wie Judith Stamm mit Texten von Weggefährtinnen und eine Auswahl von "Gedanken zum Neuen Tag" mit Bildern aus Judith Stamms Leben.

Das war die eine Spannung, die das Lesen zum Vergnügen macht, das andere war natürlich die Hauptdarstellerin des Buches Judith Stamm, die ich seit den frühen 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts persönlich kenne und mit der ich, wenn auch in getrennten Parteiwelten, ein grosses Wegstück gemeinsam gegangen bin. Das erste Mal ist mir Judith Stamm in ihrer Funktion als Polizeiassistentin begegnet, ich war damals junge Lehrerin in Reussbühl. Sie kam ins Fluhmühleschulhaus um einen meiner Schüler zu befragen, der in einen Diebstahl verwickelt war. Ihr Name war mir damals schon ein Begriff, war sie doch nach der Einführung des Frauenstimmrechtes 1971 als eine der ersten Frauen für die CVP in den Luzerner Grossen Rat gewählt worden. Irgendwie muss ich ihr auch einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, hat sie mich doch Jahre später angefragt, ob ich nicht Lust hätte, auf der CVP-Liste für den Grossen Rat zu kandidieren. Ich weiss nicht, ob sich Judith Stamm noch an meine Antwort erinnert. Ich habe ihr gesagt, ob sie denn ernsthaft glaube, dass ich in diese Partei passe und auch nur den Hauch einer Chance hätte, von der CVP nominiert zu werden, nachdem sie selber ja kaum von dieser akzeptiert werde und ich ja noch viel feministischer und linker sei als sie.

Mich hat es dann nach Jahren in der Frauenbewegung OFRA zu den Grünen verschlagen und Judith hat den Weg in der CVP weitergemacht, wenn auch immer eher am Rand, oft nur geduldet und nicht selten heftig angefeindet. Sie hat mir einmal beschrieben, wie das für sie als frisch gewählte Nationalrätin gewesen sei, wenn sie manchmal als Einzige der CVP-Fraktion aufgestanden sei. Damals musste man noch aufstehen, das brauchte mehr Mut als nur den andern Knopf der elektronischen Abstimmungsanlage zu drücken, weil man mit der ganzen Person dastand und ganz physisch wahrnehmbar Zeugnis ablegte für seine Meinung. Sie schilderte, dass sie die abschätzigen und vernichtenden Blicke gewisser Männer der CVP-Stahlhelmfraktion wie Messer im Rücken gespürt hätte, wenn sie die Meinung der Partei nicht teilte. Es hätte sehr viel Mut gebraucht, unter diesen Umständen immer wieder zu ihrer Meinung zu stehen.

Ihr Mut und ihre Unerschrockenheit für das ein zu stehen, wovon Judith überzeugt war und Liebesentzug und Karriereeinbrüche in Kauf zu nehmen – sie hätte nämlich absolut das Zeug für eine Bundesrätin gehabt – das hat mir an Judith immer imponiert. Durch das grösste und wichtigste gemeinsame politische Anliegen, nämlich für die Frauenrechte und die gerechte, das heisst hälftige Vertretung der Frauen in der Politik und durch viele gemeinsam ausgefochtene Kämpfe für eine gerechtere, sozialere und weltoffenere Schweiz ist über die Grenzen unserer Parteien hinweg im Laufe der Jahre eine Freundschaft entstanden. Und bis heute ist es für mich eine reine Freude, mit Judith politisch zu debattieren. Deshalb hat mich eine Stelle im Buch auch ganz besonders berührt, dort wo die Autorin sie im Interview fragt, ob sie sich nachträglich an eine Situation erinnere, in der sie sich selbst mutiger gewünscht hätte und sie darauf folgendes antwortet:
"Als vor Jahren eine Freundin aus der Grünen Partei in Luzern für einen Sitz in der städtischen Exekutive kandidierte, warteten wir mit einem eigenen CVP-Kandidaten auf. Aus Rücksicht auf meinen Kollegen und die Partei wagte ich es nicht, frei und offen für die überzeugende Kandidatin einzutreten. Stattdessen blieb ich zu Hause, bis die Wahlen vorüber waren, und fühlte mich dabei so miserabel wie selten in meinem Leben. Wenn ich zurückdenke, schäme ich mich heute noch. Glücklicherweise hat unsere Freundschaft nicht darunter gelitten."
Für NichtinsiderInnen etwas Hintergrundinformation: das war damals als Paul Baumann für die CVP und ich für die Grünen für den Stadtrat kandidierte. Ich bat Judith, die kurz zuvor mit dem flammenden Aufruf: "Auf die Pferde ihr Weiber" für mehr Frauen in die Politik geworben hatte, in mein Unterstützungskomitee zu kommen. Dass sie sich sehr schwer damit tat, mir eine Absage geben zu müssen, habe ich damals gewusst, aber dass es ihr so nachhaltig so nahe ging, habe ich nicht gewusst und es ist Ausdruck ihrer grossen Verbindlichkeit und Gradlinigkeit.

Auf eine andere Stelle im Buch möchte ich noch hinweisen, wo diese Verbindlichkeit, diese Treue zu ihren Weggefährtinnen, auch wieder zum Ausdruck kommt: Judith hat Josi Meier während ihrer ersten Nationalratskandidatur 1979 oft zusammen mit andern Frauen an die Wahlveranstaltungen begleitet, Josi Meier war also stets von einem "Charre voller Wyber" begleitet. Etwas ganz Ähnliches habe ich später selber erlebt, als Judith Stamm Nationalratspräsidentin war. Da hatte sie das Privileg, eine Staatslimousine mit Chauffeuse zur Verfügung zu haben. Ab und zu nahm sie diesen Dienst in Anspruch, wenn sie an die Session nach Bern musste. Aber sie fuhr nie mit halbleerem Auto nach Bern, sondern sammelte uns andere Luzernerinnen Josi Meier, Rosmarie Dormann und mich ein und so fuhr dann im Jahr 1996 öfter ein "Charre voller Wyber" gemeinsam von Luzern nach Bern und darin fanden sehr angeregte und oft auch sehr heitere Debatten statt, an die ich mich ausserordentlich gern zurückerinnere!

Judith Stamm hat sich im Laufe der Zeit ein sehr hohes Ansehen erworben, auch in ihrer Partei. Und wenn sie auch immer noch nicht von allen geliebt wurde, so hat sie sich doch grossen Respekt erworben. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass sich im Laufe der Zeit ihre Partei wirklich mit ihr versöhnt hatte, deshalb war es für Judith auch ein schönes Zeichen der Anerkennung, dass sie von der CVP als Kandidatin für das Nationalratspräsidium vorgeschlagen und vom Parlament zur höchsten Schweizerin gewählt wurde.

Jahre später, also in jüngerer Zeit erlitt sie durch die leidige Rütligeschichte, für die sie als Präsidentin der Gemeinnützigen Gesellschaft verantwortlich gemacht wurde, nochmals viel Anfeindungen und die haben ihr sehr zugesetzt. Eine Zeit lang fürchtete ich, sie könnte das ganze Kapital ihres hohen Ansehens und ihre Gesundheit durch die schlimme Kampagne gegen sie verlieren. Aber das ist jetzt glücklicherweise vorbei und schliesslich nur eine Episode im facettenreichen Leben der öffentlichen Person Judith Stamm geblieben! Wer auch Facetten der privaten Judith Stamm kennen lernen möchte, findet diese im Buch und auch ich habe, obwohl ich Judith lange und recht gut kenne, noch Neues über sie erfahren. So ist schliesslich ein ganzheitliches Bild einer spannenden Persönlichkeit daraus geworden und ich hoffe, ich habe Sie damit "gluschtig" aufs Lesen des Buches gemacht.  
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