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Kolumne 60plus

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Über das Privileg, nichts mehr tun zu müssen, aber noch vieles tun zu können
Kolumne erschienen auf der Website von Luzern60plus, März 2014

Ich bin seit Dezember pensioniert. Seither fragen mich alle, die mir begegnen: und - was machst du jetzt? Anfänglich interpretierte ich in diese Frage die mehr oder weniger unverhohlene Aufforderung hinein, mich gefälligst weiterhin für die Allgemeinheit nützlich zu machen. In den ersten paar Wochen habe ich jeweils geantwortet, dass ich ja nur die 80% Berufstätigkeit aufgegeben habe, meine andern Engagements jedoch weiterzuführen gedenke. Ich fühlte mich verpflichtet anzufügen, dass das eine oder andere Engagement bestimmt noch dazukommen werde.

So liess ich mich relativ zügig auf alle möglichen Anfragen ein, hier und dort neu einzusteigen und mein sogenanntes Portfolio mit neuen sinnvollen Tätigkeiten zu ergänzen. Es ging nicht lange, da löste die Vorstellung, mir meine neu gewonnene Freiheit schon wieder so stark einschränken zu lassen, ein zunehmendes Unbehagen aus. Vorsichtig begann ich die mir angebotenen Aufgaben nach sachlichen Argumenten wie Rolle und Funktion, Dauer des Engagements, ungefährer Zeitaufwand und Grösse der Verantwortung genau zu prüfen. Eine zweite Prüfung betraf mehr die emotionale Seite: würde ich die Aufgabe mit Lust und Freude übernehmen, weil nicht nur die inhaltliche Fragestellung stimmt, sondern ich mich auch auf die Menschen freue, die ich dort antreffe?

Ich betrachte das als grösstes Privileg im Leben als Pensionierte, die volle Freiheit zu haben, zu tun was mir Freude macht oder zu lassen, wo die Freude fehlt. Das konnte ich in meinem bisherigen Leben noch nie so uneingeschränkt tun, weder im Studium, noch im Beruf oder in der Politik. Da gab es nebst viel Schönem und Erfüllendem auch immer rechte Anteile von Verpflichtungen und Belastungen bis hin zum geraubten Schlaf.

Diese Form der Freiheit geniesse ich. Schritt für Schritt und Tag für Tag lerne ich, dies ohne schlechtes Gewissen zu tun. Es ist ein grosses Privileg, diese Zeit dank AHV und Pensionskasse ohne materielle Sorgen zu erleben. Jenen politischen Vorfahren, die die Weisheit hatten, 1948 die AHV einzuführen, bin ich unendlich dankbar. Damit ist die AHV fast gleich alt wie ich und hat allen Unkenrufen zum Trotz all diese Jahre finanziell gesund überlebt. Wenn jüngere Leute mir sagen, dass sie befürchten, einmal keine AHV mehr zu erhalten, dann antworte ich jeweils, dass die Höhe der AHV nicht wie ein Schicksal vom Himmel falle, sondern Resultat einer politischen Auseinandersetzung sei. Jede Generation muss sich wieder neu mit ihr auseinandersetzen und um sie kämpfen. Vielleicht muss sie einmal anders finanziert werden, aber ich bin felsenfest überzeugt, dass diese grossartige politische Errungenschaft ein langes Leben haben wird. Sonst müssten alle mal in Ländern Anschauungsunterricht nehmen, die keine gesicherte Altersvorsorge kennen. Da ist von Freiheit und Würde im Alter keine Spur. Und da würde keine Pensionierte eine so positive Kolumne schreiben...  
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