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Diplomrede Soziale Arbeit

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Diplomrede an der Diplomfeier Soziale Arbeit
Rede an der Diplomfeier Soziale Arbeit, 14. September 2017

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden,
liebe Angehörige und Freunde,
liebe Dorothee Guggisberg, lieber Herr Krucher,
sehr geehrte Damen und Herren

Es ist mir eine grosse Ehre, die Diplomrede für die Studierenden der Hochschule Soziale Arbeit heute zu halten, da ich mich dieser Schule sehr verbunden fühle. Nicht nur, weil ich sie von meinen früheren Tätigkeiten her kenne, sondern auch, weil sie junge Menschen für einen der wichtigsten und herausforderndsten Berufe ausbildet, die es gibt: soziale Arbeit! Und das bedeutet an dieser Schule, dass man aus drei Studienrichtungen auswählen kann, nämlich Sozialarbeit, Soziokulturelle Animation und Sozialpädagogik und wir haben nebst den Bachelor-AbsolventInnen auch Studierende unter uns, die ihr Masterstudium abgeschlossen haben. In einer Welt, die gerne Sieger und Glamour hat, ist es nicht selbstverständlich, sich für einen Beruf zu entscheiden, dessen Kernidee es ist, für Menschen da zu sein, die mit dem Leben nicht zu Rande kommen.

Und wir leben ja in einer Welt, in der es immer schwieriger wird, den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren. Es geht ein Wort um in letzter Zeit, das dafür symbolisch steht: Disruption. Bis vor kurzem habe ich fast nur den englischen Begriff gehört mir überlegt, wie ich ihn wohl am besten übersetzen könnte und versuchte es mit «Verwerfung». In meinem englischen Wörterbuch fand ich eine ganze Reihe von Übersetzungen von Disruption: Störung, Belästigung, Unterbrechung, Bruch, Riss, Spalt, Zerrüttung, Zersetzung, alles negativ konnotierte Begriffe. Bei Disruptionen geht es also nicht um schöne harmonische Übergänge oder um eine heile Welt.

Verwerfungen heute
Was sind denn die Verwerfungen der neuesten Zeit? Es ist das Revival autoritärer Männer an wichtigen Schalthebeln der Politik - in den USA, der Türkei, in Osteuropa, auf den Philippinen. Es sind Politiker, die die Kraft ihres Amtes nicht zum Wohle der gesamten Bevölkerung einsetzen, sondern zum Ausbau ihrer eigenen Macht und zur Ausgrenzung bestimmter Gruppen. Eine Disruption, die Europa erschüttert hat, ist der Brexit: Grossbritannien beschloss den Austritt aus der Europäischen Union und erschütterte damit diese Institution, die bei aller berechtigten Kritik immerhin verhindert hat, dass in Europa seit dem zweiten Weltkrieg wieder Krieg gegeneinander geführt wurde. Denn was ein Krieg bedeutet, zeigt uns Syrien. Da geht der Krieg mit einer halben Million Toten und fünf Millionen Flüchtlingen bereits ins sechste Jahr - und ein Ende ist noch nicht in Sicht! Statt der Willkommenskultur schloss Europa einen Pakt mit dem diktatorischen Präsidenten Erdogan, damit dieser den Flüchtlingen den Weg nach Europa versperrt. Nun wird auch noch die Mittelmeerroute geschlossen. Europa liefert damit die durch die Wüste aus Schwarzafrika vor dem Elend geflüchteten Menschen Libyen aus. Libyen ist ein sogenannter failed state, in dem nichts, was einen Rechtsstaat ausmachen würde, existiert und in dem «Menschenrechte» ein Fremdwort ist.

Und wie wenn das nicht schon alles genug wäre, gerät auch noch das Klima ausser Rand und Band mit den Folgen von Dürren, Hitzewellen, Hurricans und Bergstürzen. Die Naturkatastrophe von Bondo kommt mir fast wie eine Metapher für eine brüchige Welt vor, in der der Boden unter unseren Füssen - oder über unseren Köpfen - buchstäblich ins Rutschen geraten ist.

Folgen für Ihre zukünftige Arbeit
Warum zeichne ich Ihnen dieses düstere Bild der Welt und nicht deren schöne Seiten? Weil es mit ihrer zukünftigen Arbeit zu tun hat und zwar in zweifacher Hinsicht. Wer nicht fit, mobil und belastbar genug ist, um diese schnellen, disruptiven Veränderungen mitzumachen, gerät unter die Räder und steht dann vielleicht eines Tages vor Ihnen und braucht Ihre Hilfe. Die andere Auswirkung ist, dass in einer solch instabilen Welt die Menschen nicht offener und veränderungswilliger werden. Das macht sich auch in der Politik bemerkbar. Parteien mit einem Programm, das mit dem Rückgriff auf eine verklärte Vergangenheit den Menschen verspricht, dass alles besser werde, wenn man sich abschotte und nur für sich selber schaue, haben Zulauf. Wer ein ausgrenzendes Programm gegenüber «Anderen» verfolgt, gewinnt WählerInnen. Switzerland first gilt auch bei uns: keine fremden Richter, keine EMRK, kein Gerichtshof in Strassburg, keine AHV für Migranten, die in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt sind, keine Gelder für Entwicklungszusammenarbeit, man schaut für sich: Switzerland first. Und man schaut auch eifrig darauf, dass ja niemand Unterstützung bekommt, der es vermeintlich nicht verdient. Die Missbrauchsdebatten der letzten Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen, die IV ist ausgehungert worden und es ist für viele PolitikerInnen wichtiger, zu sagen, um wie viele Millionen sie die IV entlastet haben als zu fragen, was es mit kranken Menschen macht, die immer wieder beweisen müssen, dass sie tatsächlich krank und nicht mehr in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen.

Angriffe auf die Sozialhilfe am Beispiel des Kantons Bern
Eine andere ganz konkrete Auswirkung dieser Debatte ist der permanente Angriff auf die Sozialhilfe. Diese sozialpolitisch eminent wichtige Errungenschaft steht unter massivem Druck und die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS werden immer mehr in Frage gestellt. Das aktuellste Beispiel ist der Kanton Bern, der bereits heute den Sozialhilfebeziehenden einen leicht unter den SKOS-Richtlinien liegenden Grundbedarf bezahlt. Und nun will er noch viel weitergehen! Die Revision des bernischen Sozialhilfegesetzes sieht eine generelle Kürzung des Grundbedarfs von 10% vor, sowie weitergehende Kürzungen für spezifische Gruppen, 15% für vorläufig Aufgenommene, 15-30% für junge Erwachsene, 30% für Personen mit ungenügenden Sprachkenntnissen.

Das ist ein heftiger Angriff eines grossen und bedeutenden Kantons auf die SKOS! Die SKOS-Richtlinien sind ein wichtiges Instrument der Schweizer Sozialpolitik. Sie gewährleisten ein „soziales Existenzminimum“. Dieses umfasst neben den Grundbedürfnissen Wohnen, Essen und medizinische Versorgung auch die Integration der SozialhilfebezügerInnen in die Gesellschaft. Mit der Sozialhilfe soll also auch eine Zeitung, ein Buch oder die Mitgliedschaft im Sportverein finanziert werden können. So soll der Verelendung und der sozialen Ausgrenzung vorgebeugt werden. Ich weiss nicht, ob die, die solche Kürzungen beschliessen, sich vorstellen können, was es heisst, nie mit jemandem in ein Restaurant gehen, nie jemanden zu sich nach Hause zu einem Essen einladen, keine Konzert- und Theaterbesuche machen zu können. Ohne soziale Existenzsicherung beginnt ein Teufelskreis: die Betroffenen verlieren noch stärker den Anschluss, das Selbstbewusstsein geht verloren und eine berufliche Integration wird noch schwieriger. Mit der vorgeschlagenen Kürzung des Grundbedarfs von 10% wird das soziale Existenzminimum klar unterschritten.

Kinder und Jugendliche tragen die Hauptlast der Sparmassnahmen. Im Kanton Bern ist fast ein Drittel der 42‘000 Personen, die von der Sozialhilfe unterstützt werden, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Wir wissen aus Untersuchungen, dass es den Effekt der «Vererbung» von Armut gibt. Wer als Kind in Armut leben muss, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Die Schweiz schafft es bisher besser als andere Länder, diesen Mechanismus zu durchbrechen und Kindern aus armutsbetroffenen Familien einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Es ist zu befürchten, dass mit Massnahmen, wie sie im Kanton Bern vorgesehen sind, dieses Erfolgsmodell in Zukunft gefährdet sein könnte. Und das Beispiel Bern könnte Schule machen! Andere Kantone wollen in die gleiche Richtung nachziehen. Es gäbe eine wirksame Alternative zur Verhinderung der Familien- und Kinderarmut, Ergänzungsleistungen für Familien, wie sie in den Kantonen TI, SO, VD, GE bereits existieren.

Und übrigens: für Mehrkosten in der Sozialhilfe ist nicht der Grundbedarf verantwortlich, sondern vor allem steigende Wohnkosten und höhere Gesundheitskosten. Auch da gäbe es Alternativen, Massnahmen im Bereich des Wohnungsmarktes, der Gesundheit, z. B. individuelle Prämienverbilligungen.

Der Regierungsrat des Kantons Bern rechnet mit Einsparungen zwischen 15 und 25 Mio Franken. Das ist aber eine kurzsichtige Rechnung, denn mit der stärkeren gesellschaftlichen Ausgrenzung nehmen Suchtmittelabhängigkeiten, Gesundheitskosten und psychische Erkrankungen zu. Erfahrungen des Kantons Wallis mit generellen Kürzungen bei jungen Erwachsenen zeigen denn auch negativen Aspekte auf: Höhere Verschuldung, mehr Schwarzarbeit und mehr Konflikte zwischen Sozialdiensten und KlientInnen.

Ihre Berufsfeld als SozialarbeiterIn
Und das ist dann Ihr möglicher zukünftiger Arbeitsplatz: der Sozialdienst in einer Gemeinde und da kommen Klientinnen zu Ihnen, die von solchen Kürzungen der Sozialhilfe betroffen sind und die Welt nicht mehr verstehen. Und schon sind Sie mitten drin in den Folgen der Sozialpolitik. Überhaupt haben alle Ihre zukünftigen Berufsfelder mit den grösseren und kleineren Verwerfungen in der Gesellschaft zu tun, wie ich sie eingangs geschildert habe. Ob Sie als Schulsozialarbeiterin mit Cybermobbing oder dem Fall einer zwangsverheirateten Schülerin zu tun haben, ob Sie in einem multikulturellen Quartier an einem Projekt für ein friedliches Zusammenleben zwischen Angehörigen verschiedener Herkunftsländer tätig sind, ob Sie in einem Frauenhaus, einer Beratungsstelle für Asylsuchende arbeiten, ob Sie Abklärungen für die KESB machen, ob Sie im Sozialdienst einer psychiatrischen Einrichtung oder einer international tätigen Firma arbeiten, Sie werden überall mit den Bruchstellen einer globalisierten Gesellschaft konfrontiert.

Öffentliches Engagement
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie die «Opfer» dieser Entwicklungen vor sich haben? Das kann eine ganz grosse Belastung sein. Herr Krucher hat in seiner Einleitung gesagt, dass es bei Ihrem Beruf darum gehe, benachteiligende Lebensbedingungen als solche zu verändern, dies sei und bleibe Ihre Aufgabe. Das sehe ich genauso. Darunter verstehe ich ein Engagement auf der Metaebene, in einem Verband, einer Kommission, einer Expertengruppe, einer Partei oder als Freiwillige in einer entsprechenden Organisation.

Das ist natürlich eine ambivalente Sache, das ist mir klar. Es fordert Ihnen über die Einzelfallarbeit und die Arbeit mit verschiedenen Anspruchsgruppen hinaus noch zusätzliches Engagement ab. Auf der anderen Seite gibt es Ihnen Kraft und Energie, wenn sie mit andern zusammen am gleichen Strick der Veränderung ziehen und den widrigen Umständen trotzen und eben, «benachteiligende Lebensbedingungen verändern» wollen. Ihre Arbeit an den sozialen Brennpunkten prädestiniert Sie doch geradezu! Halten Sie Widerrede gegen die pauschalen Verunglimpfungen Ihrer Klientinnen und Klienten und gegen die Rede vom Missbrauch, gegen die Attacken auf die KESB. Das braucht Zivilcourage und sie werden sicher in eine bestimmte politische Ecke gestellt. Aber das macht nichts, das werden alle Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen. Und da lebt sich auch ganz gut! Seien Sie stolz darauf! Und ehrlich gesagt, wenn Sie als Experten und Zeuginnen der Benachteiligungen von Menschen nicht Ihre Stimme erheben und öffentlich darüber reden, wer soll es denn tun? Wer ist denn qualifizierter und informierter als Sie?

Ein öffentliches Engagement kann auch zur Resilienz beitragen, um die Verwerfungen um Sie herum gut auszuhalten. So können Sie sich immer in den Spiegel schauen und sagen: ich habe versucht, Errungenes zu verteidigen und die Verhältnisse zu verbessern. Damit schliesst sich der Kreis zu Herrn Kruchers Gedanken: Sie werden also tatsächlich in verschiedenster Hinsicht gefordert und herausgefordert sein. Genau das macht Ihren Beruf einzigartig und äusserst spannend.

Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem Diplom und wünsche Ihnen viel Glück und Freude und eine gute Mischung aus nötiger dicker Haut und hoher Sensibilität in Ihrer zukünftigen Arbeit!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!  
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