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Kolumne 60plus: Tarik Ramadan

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Vertreter eines modernen Islams oder Verfechter fundamentalistischer Geschlechterrollen?
Kolumne erschienen auf der Website von Luzern60plus, Dezember 2017

Vor zwölf Jahren hatte ich als Geschäftsleiterin der feministischen Friedensorganisation cfd beruflich in Marokko zu tun. Der cfd unterstützte in diesem Land Frauenhäuser und Beratungsstellen für Gewaltopfer. Diese Projekte wollte ich persönlich kennen lernen und dabei kam ich mit den Leiterinnen und Präsidentinnen der cfd-Partnerorganisationen ins Gespräch. Dabei wurde ich mehrmals auf meinen Landsmann aus Genf, Tarik Ramadan angesprochen. Er ist der bekannteste muslimische Intellektuelle in Europa, ein absoluter Star in der muslimischen Community. Seine Fangemeinde verehrt ihn bedingungslos. In Marokko hingegen wurde ich heftig vor ihm gewarnt, er würde einen doppelzüngigen Diskurs führen. In Europa gebe er sich als Verfechter eines modernen europakompatiblen Islams. Bei seinen Auftritten in Marokko schwöre er hingegen die Frauen auf fundamentalistische Geschlechterrollen ein.

Kaum zurück in der Schweiz hatte ich Gelegenheit, Tarik Ramadan an einer Tagung zu Menschenrechten in Luzern live zu erleben. Es war ein charismatischer Auftritt, er erklärte wortreich und etwas wolkig seine Vision eines europäischen Islams. Im Anschluss an seine Rede durfte man ihm Fragen stellen und ich konfrontierte ihn mit den Warnungen, die mir meine cfd-Partnerinnen aus Marokko mit auf den Weg gegeben hatten. Ein Teil des Publikums klatschte nach meinem Votum, ein anderer Teil buhte mich aus. Tarik Ramadan selber reagierte sehr ungehalten, und statt auf meine kritische Frage einzugehen, griff er meine Informantinnen aus Marokko heftig an und warf mir vor, einer Lüge aufgesessen zu sein. Nach dem Ende der Veranstaltung scharte sich eine Gruppe junger Frauen, die meisten mit Kopftuch, um ihn, sie hingen ihm buchstäblich an den Lippen. Mir ist das Bild in Erinnerung wie die einer Sekte mit ihrem Sektenführer.

Und nun taucht der Name Tarik Ramadan im Zusammenhang mit der Weinstein-Affäre wieder auf. Ermutigt durch das Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe Weinsteins haben sich rund um den Globus Frauen geoutet und über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt berichtet. So ist eine ganze Reihe prominenter Männer in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, darunter auch Tarik Ramadan. Mehrere Frauen werfen ihm brutale Vergewaltigungen vor. Alle waren sie als Schülerinnen oder Anhängerinnen seiner Lehre in einer Art Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Die Universität Oxford, an der er unterrichtete, hat ihn sofort beurlaubt. Tarik Ramadan bestreitet diese Vorwürfe und droht den Frauen mit Verleumdungsklagen. In Frankreich tobt ein Streit unter den Linken, die einen sehen ihn als Verleumdungsopfer von Muslimhassern, die andern als doppelzüngigen Moralapostel, der Wasser predige und Wein trinke. Der mit einer Konvertitin verheiratete „Reform-Salafist“, wie er sich selber nennt, ist Vater von vier Kindern und plädiert für sexuelle Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe.

Ich weiss nicht, ob sich die Vorwürfe gegen Tarik Ramadan erhärten werden. Für ihn gilt, wie für alle Angeklagten, die Unschuldsvermutung. Irritierend ist jedoch, wie immer wieder der Vorwurf der Doppelzüngigkeit gegen ihn erhoben wird. Das kann kaum Zufall sein, ganz offensichtlich ist sein Diskurs auffallend ambivalent. Und noch etwas: Blind verehrten Gurus gegenüber soll man grundsätzlich misstrauisch sein! Denn Gurus und ihre AnhängerInnen begegnen sich nicht auf Augenhöhe, da gibt es immer ein Machtgefälle und die Gefahr, dass diese Macht missbraucht wird.  
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