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Referat Benefiz-Filmmatinee

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Die göttliche Ordnung
Referat Benefiz-Filmmatinee - Soroptimistinnen Karlsruhe, 11. November 2018

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie feiern morgen am 12. November 2018 in Deutschland 100 Jahre Stimm- und Wahlrecht der Frauen, dazu möchte ich Ihnen herzlich gratulieren! Dieser Fortschritt ist nicht einfach so in den Schoss gefallen, sondern wurde von mutigen Frauen erkämpft: von Hedwig Dohm, Luise Otto-Peters, Minna Cauer, Helene Lange, Gustava Heymann, Anita Augsburg, Clara Zetkin. Ihnen gilt der Dank nicht nur der deutschen Frauen, sie haben den Weg für die Frauen in die Politik überhaupt geebnet und als junge Feministin in der Schweiz habe ich diese Namen schon gakannt.

Beim Schweizerischen Landesstreik von 1918 war zwar das Frauenstimmrecht eine von neun Forderungen. Es sollte aber nochmals ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die Schweiz diesen Schritt machte. Es war im Jahr 1971 und damit war mein Land die letzte Demokratie in ganz Europa, die diese Diskriminierung der Frauen beseitigte. Nur Lichtenstein war noch etwas später dran.

Ich erinnere mich gut an diese Zeit, ich war damals junge Lehrerin, engagierte Zeitgenossin, Steuerzahlerin, aber an die Urne gehen durfte ich nicht. So richtig bewusst wurde mir das, als 1970 die fremdenfeindliche Schwarzenbach-Initiative, die den Bestand der ausländischen Bevölkerung massiv reduzieren wollte, zur Abstimmung kam. Die Ausländer von damals waren vor allem Italienerinnen, meine Mutter war selber Italienerin und hatte die Italienerfeindlichkeit der Schweiz in voller Härte zu spüren bekommen. Und nun diese Initiative, zu der weder meine 54-jährige durch Heirat Schweizerin gewordene Mutter noch ich mit 21 Jahren etwas zu sagen hatten. Das hat grosse Empörung ausgelöst. Ein Jahr später erhielten wir Schweizerinnen als letzte Europäerinnen endlich die politischen Rechte.

Der Film, den Sie sehen werden, erzählt diese Geschichte. Er hat in der Schweiz wie ein Blitz eingeschlagen und ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderer Film so lange in Luzern gelaufen ist, wie „Die göttliche Ordnung“. Er war aber nicht nur in der Schweiz vom Erfolg gekrönt, er wurde in der ganzen Welt gezeigt und seine ihm eigene Magie kam offensichtlich überall an: alle Frauen auf der ganzen Welt verstehen die Botschaft des Films, dass es ungerecht ist, dass ihnen einzig und allein auf Grund des Geschlechtes das elementare Rechte, über ihr Leben selbst zu bestimmen, vorenthalten wird. Grosses Erstaunen auch überall auf der Welt, wenn die KinobesucherInnen erfahren, dass die sich selbst als Musterdemokratie darstellende Schweiz so schwer damit getan hat, den Frauen die politischen Rechte zu verleihen.

Dazu gibt es zwei Erklärungen: einerseits ist die Schweiz das einzige Land, in dem den Männern das Frauenwahlrecht in einer Volksabstimmung abgerungen werden musste, während in allen andern Ländern Regierungen oder Parlamente darüber entschieden. Die vielgepriesene und bewunderte Direkte Demokratie erwies sich also für uns Schweizerinnen als grosses Handicap. Die zweite Begründung ist die, dass in vielen andern Ländern Europas die Frauen die Rolle ihrer aus Krieg und Gefangenschaft nicht mehr zurückgekehrten Männer übernehmen mussten und damit eine Art Emanzipationsprozess durchmachten. In der Schweiz, die nicht direkt in die beiden Weltkriege involviert war, funktionierten die alten Geschlechterrollen ungebrochen weiter.

Anstoss von aussen
Warum gelang das Wunder endlich im Jahr 1971, nachdem 1959 das Anliegen von den stimmberechtigten Männern noch mit 66% Neinstimmen verworfen worden war? Wie bei so vielem, was in der Schweiz an Fortschritt passierte, kam der Anstoss aus dem Ausland. So war es auch beim Frauenstimmrecht. Die Schweiz wollte nämlich der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK beitreten. Der Bundesrat konnte aber diese wegen dem fehlenden Frauenstimmrecht nicht unterzeichnen und versuchte die Schlaumeierei, einen sogenannten Vorbehalt anzubringen. Frauenrechtlerinnen und Feministinnen zwangen ihn aber mit einem eindrücklichen und lauten Protestmarsch im März 1969, endlich zu handeln und die notwendigen Verfassungsänderungen vorzubereiten. An dieser Demo habe ich nicht teilgenommen, da ich in einer katholischen Klosterschule in der Ausbildung war und von der Politik ziemlich abgeschottet lebte und mir von den katholischen Nonnen das konservative Frauenbild, das Sie im Film gleich sehen werden, richtiggehend eingetrichtert worden war.

1971 stimmte die Mehrzahl der männlichen Stimmbürger nach mehreren Anläufen dem Frauenstimmrecht endlich zu. Der Weg zur Unterzeichnung der EMRK war damit frei und für uns Schweizerinnen begann eine Aufholjagd in Sachen Gleichberechtigung, da wir wie im Zeitraffer alles nachholen mussten, was andere Länder schon eingeführt hatten.

Aufholjagd
Die nach 68 entstandene Neue Frauenbewegung, in der ich mich von Anfang an engagierte, tat sich - nicht immer konfliktfrei – mit der Frauenstimmrechtsbewegung, die wir bürgerlich nannten, zusammen und gemeinsam entwickelten wir eine ungeheure Kraft. So gelang es uns, in den 80er und 90er Jahren, eine frauenfeindliche Bastion nach der andern zu schleifen, so dass es heute einen Verfassungsartikel in der Bundesverfassung gibt, welcher uns gleiche Rechte garantiert, ein fortschrittliches Gleichstellungsgesetz, ein Eherecht ohne männliches Oberhaupt, die Fristenregelung, das Verbot der Vergewaltigung (auch) in der Ehe, das Splitting und die Betreuungsgutschriften in der Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung AHV und, wenn auch eine bescheidene, aber immerhin endlich überhaupt eine Mutterschaftsversicherung. Rechtlich sind die Schweizerinnen heute den Schweizern absolut gleichgestellt.

Anekdote aus dem Parlament
Ich kam 1991 als Feministin in den Nationalrat. Ich war 1987 den Grünen beigetreten, weil viele meiner feministischen Mitstreiterinnen zu den Grünen gegangen waren und dort eine wichtige Rolle spielten. Andere Feministinnen kamen über die SP in die Eidg. Räte, einige auch in bürgerlichen Parteine. Als Frauenbewegte war meine Loyalität den Frauen gegenüber immer sehr gross, grösser als gegen über der Partei. Deshalb war es ein historischer Moment für mich, als ich im Jahr 2003 ans Rednerpult des Nationalrates treten und sagen konnte: «Ich spreche nicht im Namen der Grünen Fraktion, sondern im Namen aller Frauen dieses Rates. (Unruhe) Da staunen Sie, nicht? Heute geschieht in diesem Haus etwas, was in der gut 30-jährigen Geschichte von uns Frauen in der Schweizer Politik erst zum zweiten Mal passiert: Alle Frauen dieses Parlamentes - ich habe es verifiziert, seien Sie beruhigt, meine Herren -, alle Frauen dieses Parlamentes, ohne eine einzige Ausnahme, stimmen einer Vorlage zu, unabhängig davon, ob sie in der SVP, CVP, FDP, bei den Liberalen, der SP oder den Grünen politisieren. Das gab es bisher erst einmal und zwar, als das neue Eherecht in die Schlussabstimmung kam. Damals hat unsere ehemalige Ratskollegin Elisabeth Blunschi an diesem Mikrofon sagen können, dass alle Frauen der Vorlage zustimmen. Das kann ich heute zum zweiten Mal tun, denn wir Frauen unterstützen ohne Ausnahme die Einführung des 14-wöchigen Mutterschaftsurlaubes, finanziert aus der Erwerbsersatzkasse, solidarisch getragen von allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, von solchen mit und solchen ohne Kinder, und von allen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, ob sie nun viele, wenige oder gar keine Frauen beschäftigen.»

Das hat es seither nie mehr gegeben. Es sind inzwischen junge Frauen ins Parlament gekommen, die sich viel stärker oder sogar ausschliesslich mit ihrer Partei identifizieren oder junge Rechte Frauen, die sich explizit vom der Frauenbewegung distanzieren.

Frauen in der Politik
Auch in der Politik haben die Schweizerinnen aufgeholt, wenn wir auch überhaupt noch nicht dort sind, wo wir gerne wären: bei einer paritätischen Vertretung der Geschlechter in der Politik. Hier die aktuellen Zahlen:

InstitutionFrauenMännerFrauen in %
Bund
  Bundesrat2528.6
  Nationalrat6413632.0
  Ständerat73915.2
Kanton
  Kantonale Regierungen3711724.0
  Kantonale Parlamente7291'88027.9
Gemeinde
  Exekutiven der Städte27778926.0
  Legislativen der Städte1'5983'50831.3

Frauen in der Wirtschaft
Der Genderreport des World Economic Forum WEF, der die Gleichstellungspolitik der Länder weltweit untersucht, kommt zum Schluss, dass die Schweiz in den letzten zehn Jahre deutlich weniger Fortschritte bei der Gleichstellung gemacht hat als andere westeuropäische Staaten. Sie ist auf der weltweiten Gleichstellungs-Rangliste von Platz 10 auf Platz 21 zurückgefallen. Die Ungleichbehandlung grassiert hierzulande nebst der Politik vor allem in der Arbeitswelt. So gab es Rückschritte bei der Vertretung der Frauen auf Führungsebene in der Wirtschaft: In den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Unternehmen beträgt der Frauenanteil nur gerade mal 8 Prozent. Etwas besser sieht es in der öffentlichen Verwaltung aus, wo Führungspositionen zu 14 Prozent von Frauen besetzt sind. In den Verwaltungsräten liegt der Frauenanteil bei 17 Prozent. Schlecht sieht es auch beim Lohn aus: Durchschnittlich verdienen die Frauen nur 83 Prozent dessen, was Männer im Schnitt verdienen.

Zum Film
Es hat 45 Jahre gedauert, bis endlich ein Film dieses wichtigste und nachhaltigste Ereignis der jüngeren Schweizer Geschichte erzählt. Vor der Kulisse eines idyllischen Dorfes irgendwo im Kanton Appenzell, siedelt die Regisseurin Petra Volpe diese amüsante und gleichzeitig sehr nachdenkliche Geschichte an. Appenzell wurde nicht zufällig gewählt, denn in diesem Kanton, der als Hort des Konservativismus gilt, wurde das Frauenstimmrecht erst fast 20 Jahre später gegen den Willen der Männer eingeführt. Am 27. November 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden Recht und bestätigte damit die Verfassungswidrigkeit eines Mehrheitsentscheid der Männer an der Landsgemeinde, die sich gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen hatten. 

Aufgeweckt durch die Debatte um die Stellung der Frauen in Gesellschaft und Familie durchlaufen die immer zahlreicher werdenden Befürworterinnen im Zeitraffertempo einen rasanten Emanzipationsprozess bis hin zum Frauenstreik. Als Zeitzeugin muss ich da anmerken, dass dieses Tempo etwas gar unrealistisch ist und einige Themen, wie die Kritik am patriarchalen Ehemodell, Gewalt gegen Frauen und die Enttabuisierung der weiblichen Sexualität erst in späteren Jahren durch die Neue Frauenbewegung aufs Tapet gekommen sind. Aber gerade in der Darstellung der geballten Ladung Frauenverachtung, wie sie bis in die 90er Jahre noch gang und gäbe war, liegt die Stärke dieses Films. Und obwohl der Film als Komödie konzipiert ist, bleibt einem oft das Lachen im Hals stecken, denn die Regisseurin zeigt einfach, wie es damals in der miefigen Schweiz punkto Geschlechterrollen real zu- und herging. Das wirkt heute, 47 Jahre später, unglaublich lächerlich und peinlich.

Schlussgedanke
Als ich jung war, war die Diskriminierung der Frauen mit Händen zu greifen. Ich wurde durch eine starke, hör – und sichtbare Frauenbewegung politisiert und fühlte mich als Teil derselben. Für die jungen Frauen von heute sieht die Welt ziemlich anders aus als für mich im Jahr 1971. Sie leben in einer Welt, in der dank der Gleichstellungspolitik der letzten 45 Jahre viel erreicht worden ist. Die Türen in die Universitäten und in die Arbeitswelt stehen ihnen weit offen, und wer nicht genau hinschaut, meint dass alles in Ordnung sei. Die Diskriminierungen sind subtiler geworden und junge Frauen geben sich manchmal die Schuld, wenn sie einfach Beruf und Familie nicht problemlos unter einen Hut bringen, statt die Frage nach den strukturellen und politischen Zusammenhängen zu stellen. Zudem werden sie auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert, mit dem Klimawandel, dem Atomausstieg, der Globalisierung, der grossen Unsicherheiten über die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftssystems, der Digitalisierung. Die Geschlechterfrage geriet in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund. Seit einem Jahr ist sie dank der Me Too-Debatte wieder aufs Tapet gekommen.

Der Film «Die göttliche Ordnung» ist für uns Feministinnen und Frauenrechtlerinnen in der Schweiz ein Geschenk des Himmels: er hat Debatten mit Frauen der jüngeren Generationen über unsere neueste Geschichte und um unsern Kampf für gleiche Rechte ausgelöst. Er hat das Interesse daran geweckt und gezeigt, wie schwierig und langwierig der Kampf von uns Schweizerinnen zu gleichberechtigten Bürgerinnen war. Mein alter Wunsch, dass sich junge Frauen nicht von Emanzen, wie ich eine bin, distanzieren müssen, sondern stolz auf das sind, was wir für uns alle erkämpft haben, scheint dank dieses Films ein Stück weit in Erfüllung zu gehen.

Ich wünsche Ihnen sowohl Vergnügen wie auch Nachdenklichkeit beim Zuschauen!  
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